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100 Prozent Einsatz für das Hochprozentige

Berchtesgaden – Prozente bestimmten fast sein ganzes bisheriges Leben. Bevor Ludwig Schauer vor fast zehn Jahren die Geschäftsführung der Enzianbrennerei Grassl übernommen hatte, war er 38 Jahre lang bei der Sparkasse beschäftigt. Und nun ist sich der 65-Jährige zu hundert Prozent sicher, dass seine Nachfolge bei dem Berchtesgadener Vorzeigebetrieb gut geregelt ist. Denn die Geschäftsführung ging zum 1. Januar zurück zu den Inhabern. Die Brüder Florian (42) und Martin Beierl (38), die die Brennerei von ihrem Vater Josef Beierl übernommen haben, tragen jetzt als geschäftsführende Gesellschafter die gesamte Verantwortung.

Führungswechsel bei der Enzianbrennerei Grassl: Ludwig Schauer (M.) ging zum 1. Januar in Ruhestand, geschäftsführende Gesellschafter sind seitdem die Inhaber Martin (l.) und Florian Beierl. Foto: Anzeiger/Kastner

»Ich habe es nie bereut, vor zehn Jahren zur Enzianbrennerei gewechselt zu haben«, blickt Ludwig Schauer zurück. Genauso zufrieden ist die Familie Beierl mit ihrer damaligen Auswahl des künftigen Geschäftsführers. Dabei war die Anstellung Schauers vor zehn Jahren als eine Art »Zwischenlösung« gedacht, weil Gesellschafterprobleme keine andere Lösung zuließen. Das war auch der Grund dafür, warum sich der ältere Beierl-Sohn Florian im Jahr 2002 beruflich anders orientiert hatte. Sechs Jahre war der gelernte Destillateur zunächst Marketingleiter gewesen. Dann kehrte er dem Betrieb den Rücken und entschied sich für eine Karriere als Historiker und Heimatkenner. Als Experte der Bunkeranlagen am Obersalzberg und der NS-Zeit insgesamt arbeitete er zunächst freiberuflich für die Gewerbegrund GmbH und für das ZDF, schrieb drei wissenschaftliche Bücher und absolvierte schließlich ab 2006 in Salzburg das Studium der Geschichtswissenschaften, das er mit dem Magistertitel abschloss. Bis zum Eintritt in die Familienfirma im Jahr 2012 arbeitete Florian Beierl noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Salzburg.

Seinen jüngeren Bruder Martin hatte es schon im Jahr 2006 in die Firma zurückgezogen. Er hatte ursprünglich in München den Beruf des Kameratechnikers gelernt und anschließend unter anderem für ein Unternehmen der Bavariagruppe gearbeitet. Dabei drehte er auch Filme mit Hochgeschwindigkeitskameras, tourte durch ganz Europa und arbeitete ein Jahr lang bei einer Kölner Niederlassung. 2006 holte ihn dann Vater Josef Beierl in den Familienbetrieb. »Da kam mir zugute, dass meine Arbeit zuvor schon in die wirtschaftliche Richtung gegangen war«, so der 38-Jährige. Um den Ansprüchen gerecht zu werden, ließ sich Martin Beierl aber auch noch zum Wirtschaftsfachwirt ausbilden.

Nachdem die Gesellschafterprobleme einvernehmlich gelöst werden konnten, sind die Geschäftsführer-Brüder nun glücklich über die neue Konstellation. Sie wissen, dass sie einen florierenden Betrieb mit 40 motivierten Mitarbeitern übernehmen. Vor allem in den Sommermonaten brummt das Geschäft in der Unterau. Bis zu 1 500 Schaulustige überrennen dann täglich das Betriebsgebäude mit Verkaufsraum, kleiner Gaststube, Filmvorführraum, kleinem Museum sowie Brenn- und Abfüllräumen. Rund 176  000 Besucher lassen sich jährlich in der Unterau die Besonderheiten des Enzianbrennens erklären. Viele von ihnen sorgen mit ihren Einkäufen sofort für guten Umsatz, andere geben ihre Bestellungen erst später zu Hause auf. So verschickt die Enzianbrennerei Grassl jährlich 14 000 Pakete mit Hochprozentigem aller Art.

»Wir wollen auf jeden Fall an der Tradition festhalten«, versprechen Florian und Martin Beierl. Damit meinen sie vor allem das Bergbrennen auf den Hütten im Berchtesgadener Raum. Schließlich weiß Ex-Geschäftsführer Ludwig Schauer nur zu gut: »Wir verkaufen nicht nur den Schnaps und seine Nebenprodukte, sondern vor allem auch Geschichten«. So eine lebende Geschichte ist auch der Bergbrenner Hubsi Ilsanker, der dem Enzian vor allem in den letzten Jahren ein Gesicht gegeben hat.

Das Gros der Schnaps- und Likörprodukte wird aber in der Unterau gebrannt, schließlich stellt die Enzianbrennerei jährlich rund 300 000 Liter an eigenen Schnäpsen und Likören selbst her. Da braucht man Platz – und den wollen die neuen Geschäftsführer in den nächsten Jahren schaffen. Auf der anderen Achenseite verfügt die Enzianbrennerei Grassl nämlich noch über rund 4 000 Quadratmeter bislang ungenutzten Grund. »Hier wollen wir bald weitere Lagermöglichkeiten schaffen«, sagen Florian und Martin Beierl.

Damit die beiden in ihrer neuen Verantwortung auch die richtigen Entscheidungen treffen, wird sie Ludwig Schauer im nächsten halben Jahr noch beraten. Aber dann soll der Ruhestand wirklich ein solcher sein. Hundertprozentig. Ulli Kastner