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»Wir haben um jeden Quadratmeter gekämpft«

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Lebenshilfe Traunstein
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In der Förderstätte in Altenmarkt werden Menschen mit Mehrfach Behinderung betreut und gefördert. (Foto: Lebenshilfe Traunstein)

In der dritten Dekade der Lebenshilfe Traunstein wurde das bestehende Angebot kontinuierlich ausgebaut. Es entstanden neue, wichtige Einrichtungen im Landkreis, die jeweils den Bedürfnissen der Menschen mit Behinderung und ihrer Familien angepasst waren, die bestehenden wurden gleichzeitig ausgebaut und erweitert.


Eine wichtige Neuerung war die Frühförderung für Kinder mit Beeinträchtigung ab dem Säuglingsalter bis zum Schuleintritt. Die medizinische Frühförderung begann 1991 in den Kellerräumen im »Haus Pertenstein« in Traunreut. Dort arbeiteten eine Logopädin, eine Krankengymnastin und eine Ergotherapeutin Hand in Hand. Alle Maßnahmen zielen darauf ab, dass Kinder mit Defiziten oder der Bedrohung einer Behinderung schon möglichst früh in ihrer Entwicklung unterstützt werden.

Da die Zahl der Kinder in der Region, die Hilfe brauchten, zunahm, wurde das Angebot der Lebenshilfe 2001 erweitert und die Frühförderung zog in größere Räume in Altenmarkt um. 2018 schließlich kam sie wieder zurück an ihren Ursprungsort nach Traunreut, wo durch den Umzug der Verwaltung inzwischen Räume frei geworden waren.

Als weiteren, überaus wichtigen Baustein zur Unterstützung betroffener Familien gibt es seit 1995 die Kurzzeitpflege der Lebenshilfe. Schon Anfang der 1990er Jahre bot der Familienentlastende Dienst in Traunreut Betreuung mit Übernachtungsmöglichkeit an. Für viele Eltern und pflegende Familienangehörige war und ist dies eine wichtige Möglichkeit, ihre Schützlinge gut versorgt zu wissen, wenn sie selber mal wegen Krankheit oder Urlaub nicht zur Verfügung stehen.

Angebot wurde von Anfang an gut angenommen

Margot Zimmermann, die ehemalige Leiterin der Offenen Hilfen in der Lebenshilfe, berichtet, dass es damals zu Beginn der 1990er Jahre noch keine solche Einrichtung gab. »Dieses Angebot wurde von Anfang an sehr gut angenommen«, erinnert sich Zimmermann. Betreuungen fanden zunächst vor allem am Wochenende statt und die Plätze waren fast immer ausgebucht. Aufgrund der großen Nachfrage wurde die Kurzzeitpflege 2011 ausgebaut und erweitert und bietet nun Platz für 17 Gäste in Einzel- und Doppelzimmern.

Ein Meilenstein in der Geschichte der Lebenshilfe war zudem die Errichtung von Wohnheim und Förderstätte für Erwachsene mit mehrfacher Behinderung in Altenmarkt. Nach beinah zehn Jahren Planungs- und Bauzeit wurde die Einrichtung mit 30 Wohnheimplätzen und 36 Förderstättenplätzen 1997 eröffnet.

Josef Binder, der 1982 als Verwaltungsleiter zur Lebenshilfe kam und später Geschäftsführer war, erinnert sich gut an die aufreibende Zeit der Planung. »Wir haben damals um jeden einzelnen Quadratmeter kämpfen müssen«, erzählt Josef Binder. In der ersten Förderstätte dieser Art im Bezirk Oberbayern sollte Förderung sowie Beschäftigung der Menschen mit mehrfacher Behinderung möglichst nah am Wohnen stattfinden.

Schulung von Fein- und Grobmotorik

In Altenmarkt werden Menschen betreut und beschäftigt, die aufgrund ihrer Behinderung keine Tätigkeit in den Werkstätten ausüben können. Das gesamte Förderprogramm dient der Schulung von Fein- und Grobmotorik, der Förderung von Konzentration und Ausdauer, der Übernahme von Teilaufgaben und ihrer selbstständigen Ausführung sowie der Förderung sozialer Kontakte.

Seit vielen Jahren schon ist Michaela Bräu aus Traunstein bei der Lebenshilfe beschäftigt. Jeden Tag packt sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen für die Chiemgau-Kiste Obst, Gemüse und andere Lebensmittel zusammen, die an die Kunden verteilt werden. Die 39-Jährige kam im Alter von 20 Jahren zur Lebenshilfe. Davor lernte sie nach ihrer Schulzeit in der Jugendsiedlung Traunreut verschiedene Berufsfelder kennen. Die Gartenarbeit gefiel ihr schon immer, darum kam sie zunächst zur Biolandgärtnerei Großornach und bewarb sich später für eine Arbeitsstelle bei der Chiemgau-KisteCchiki, als diese im Juli 2002 als Betriebsteil der Gärtnerei und der Chiemgau-Lebenshilfe Werkstätten (CLW) gegründet wurde.

»Ich wollte in einem Inklusionsbetrieb zusammen mit Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten«, sagt Michaela Bräu. Es macht ihr großen Spaß, die Kisten mit den unterschiedlichsten Inhalten zu packen, und wenn sie die Namen der Kunden auf der Liste liest, stellt sie sich manchmal vor, wer wohl dahinterstecken könnte. Von manchen Kunden bekämen die Beschäftigten sogar zu Weihnachten ein kleines Dankeschön für ihre Arbeit.

Jeder hat beim Packen der Kisten seinen eigenen Bereich, für den er zuständig ist, ob Gemüse, Obst, Trockenwaren oder Molkereiprodukte. Aus den Regalen oder Kühlräumen werden sie nach der jeweiligen Bestellliste zusammengetragen und in die Kiste gelegt. Am Anfang musste Michaela Bräu so manche Artikel oder Sorten erst kennenlernen. Inzwischen weiß sie bestens Bescheid und fühlt sich im Team der Chiki rundum wohl. mix