weather-image
14°

»Vollkasko-Mentalität« wird zum Problem

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Nicht immer ist es sinnvoll, sofort die Notrufnummer 112 zu wählen. Foto: dpa-tmn

Traunstein – Josef Gschwendner hat eine gute und eine weniger gute Nachricht, wenn er über die Arbeit der Integrierten Leitstelle in Traunstein (ILS) spricht. »Wenn es von den Arbeitsbedingungen so bleibt wie es ist, dann sind wir zufrieden, wir haben keine Nachwuchsprobleme, das System der ILS hat sich etabliert.« Wenn der ILS-Geschäftsführer nicht ein großes Aber hinterherschieben würde: »Verstärkt Probleme bereitet uns die immer häufiger auftretende 'Vollkasko-Mentalität' bei den Anrufern.«


Was Gschwendner damit meint, zeigt ein Blick auf die Einsatzentwicklungen. Seit 2010 haben sich die Notfalleinsätze im Landkreis Traunstein um 29 Prozent und im Landkreis Berchtesgadener Land um 23 Prozent gesteigert; bei den Krankentransporten liegt die Steigerungsrate sogar bei 56 Prozent (TS) bzw. 24 Prozent (BGL). Zwar bezeichnet Gschwendner diese Zunahme im Vergleich zu anderen Leitstellen in Bayern noch als »moderat«, es kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass heute schneller die »112« gewählt wird als noch vor einem Jahrzehnt.

Woran das liegt? Einerseits an der immer älter werdenden Bevölkerung, die mehr Hilfe in Akutfällen benötigt, andererseits an der immer geringer werdenden Bereitschaft zu helfen und zu warten. »Für viele Bagatellfälle ist eigentlich der Hausarzt oder außerhalb der Sprechzeiten der Ärztliche Bereitschaftsdienst unter der 116 117 der richtige Ansprechpartner, doch da man hier bis zu zwei Minuten in der Warteschleife hängt, legen viele auf und wählen stattdessen die Notrufnummer 112«, berichtet Matthias Singhammer, Schichtleiter und seit zehn Jahren bei der ILS, aus seiner Erfahrung.

Dabei würden viele vergessen, dass die »112« für alle nicht-polizeilichen Notfälle – Feuerwehr und Rettungsdienst – ist. Für die Profis von der ILS lässt sich ein Notfall klar definieren: Wenn akute Lebensgefahr besteht, oder wenn eine Person ohne schnelle Hilfe in Lebensgefahr gerät.

Wann ist ein Notfall?

Doch woher soll ein Laie oder Ersthelfer wissen, ob es sich um einen Notfall handelt oder nicht? Vor einem Anruf scheuen soll sich niemand, dafür ist die Notrufnummer 112 schließlich da. »Wir bemerken nur, dass die Sensibilität gegenüber einem wirklichen Notfall wie einem Herzinfarkt oder einem Herz-Kreislauf-Stillstand und einer Bagatelle wie einer langwierigen Erkältung, wo ein Arztbesuch unter der Woche nicht in den Zeitplan passte, immer weiter abnimmt«, beschreibt Gschwendner die Situation. »Wir werden in manchen Fällen schlicht als Taxiservice ins Krankenhaus betrachtet«, bringt es Singhammer auf den Punkt. Dies hat weitreichende Folgen, auch wenn unser staatliches Rettungssystem einen hohen Qualitätsstandard hat, die Ressourcen sind endlich.

Gschwendner nennt als Beispiel den Einsatz des Rettungshubschraubers »Christoph 14«: »Fliege ich den Notarzt für die Gabe eines Schmerzmittels extra ein, nur weil es schneller geht, medizinisch aber nicht unbedingt notwendig ist, oder kann ich es einem Patienten zumuten, dass er ein paar Minuten länger auf den Rettungswagen wartet. Ist der Heli im Einsatz, braucht der Pilot anschließend eine Ruhepause, in der er nicht fliegen darf, und so vielleicht einen Folgeeinsatz nicht wahrnehmen kann.«

Praxiserfahrung der Disponenten

Das Einschätzungsvermögen der Disponenten ist daher maßgeblich darüber, welches Instrument der Rettungsmaschinerie sie in Gang setzen. Bei der ILS Traunstein sind sie daher alle praxiserfahrene Rettungsassistenten oder -sanitäter und Feuerwehrleute, die Unfallgeschehen aus eigener Erfahrung kennen. Das helfe, am Telefon geschilderte Situationen besser einzuschätzen.

»Das Verständnis, wenn wir jemanden an den ärztlichen Bereitschaftsdienst verweisen, ist natürlich bei vielen Anrufern gering, auch wenn wir erklären, warum der geschilderte Fall eben kein Notfall ist«, sagt Singhammer. Übrigens gibt es auch im Bereich Feuerwehr ungewöhnliche Anrufe: »Wir hatten mal eine Anfrage, ob die Feuerwehr nicht beim Umzug helfen kann«, erinnert sich der erfahrene Schichtleiter.

Höhere Bereitschaft in Skandinavien

Vieles ließe sich nach Ansicht von Gschwendner und Singhammer in einer Notfallsituation verbessern, wenn in der Bevölkerung die Erste-Hilfe-Kenntnisse und die Bereitschaft, diese auch anzuwenden, größer wäre. Vergleiche aus Skandinavien zeigten, dass dort die Bereitschaft, Erste Hilfe zu leisten bei rund 70 Prozent liegt, in Deutschland nur bei 30 bis 40 Prozent.

»Es kommt aber genau auf die ersten Minuten an, egal ob bei einem Unfall oder bei einem Herz-Kreislauf-Zusammenbruch«, mahnt Josef Gschwendner an. Wer hier zögere und sich nur auf das Eintreffen des Rettungsdiensts verlasse, lässt wertvolle Zeit verstreichen, denn in der Regel braucht ein Rettungswagen rund zehn Minuten, bis er am Einsatzort ist. »Das kann für jemanden mit einem Atemstillstand tödlich enden«, weiß Matthias Singhammer. Die beiden ILS-Männer wünschen sich daher, dass es in der Bevölkerung wieder mehr Bereitschaft gibt, hinzuschauen und zu helfen. Dann haben alle Seiten gewonnen. vew

Rufnummern im Überblick

Notruf »112«: Mit der Nummer 112 erreicht man den Rettungsdienst. Sie ist für akute, möglicherweise sogar lebensbedrohliche Notfälle reserviert. Wer sich nicht sicher ist, ob der Zustand lebensbedrohlich ist oder werden könnte, wählt die 112.

Notdienst 116 117: In dringenden, aber nicht lebensbedrohlichen Fällen wählt man 116 117 – die bundesweite Nummer für den Bereitschaftsdienst – auch Notdienst – genannt. Dies ist die Anrufzentrale des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, der an Bereitschaftsdienstpraxen verweist, die man dann gegebenenfalls aufsuchen kann.

Giftnotruf: Erreichbar unter 089/1924-0.

Notruf »110«: Damit alarmiert man die Polizei. Sie sollte gerufen werden, wenn man sich in einer Gefahrensituation befindet, Zeuge einer solchen oder einer Straftat wird, Hinweise zu Fahndungen geben kann oder Beobachtungen gemacht werden, die von der Polizei überprüft werden sollen.