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Traunstein soll bis 2025 klimaneutral werden

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Traunstein soll bis 2025 klimaneutral werden
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Beim Podiumsgespräch in Aktion (von links): Prof. em. Dr. Georg Auernheimer (Die Linke), Hermann Hofstetter (ÖDP), Dirk Reichenau (SPD), Gisela Sengl (B90/Die Grünen), Heinz Wallner (BP), Moderator Axel Effner, Tobias Kohler und Mirjam Förg (Fridays-for-future Traunstein), Dr. Lothar Seissiger (FW/UW) und Karl Schleid (CSU). (Foto: Zandl)

Traunstein – Einen Rückblick auf 40 Jahre Forum Ökologie gab der zweite Vorsitzende des Vereins, Wolfgang Sojer, bei der Jubiläumsveranstaltung in der voll besetzten Aula des Chiemgau-Gymnasiums. Nach dem Impulsvortrag der renommierten Wirtschaftswissenschaftlerin Professor Claudia Kemfert fand ein Podiumsgespräch mit Vertretern der im Kreistag sitzenden Parteien sowie der Fidays-for-future-Bewegung statt.


Die Berliner Professorin Dr. Claudia Kemfert sprach über »Die wirtschaftlichen Chancen einer klugen Energiewende«. Kemfert ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. Sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und ist mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin. »Ich war etwas überrascht, in der Traunsteiner Innenstadt, vom Bahnhof kommend, noch Autos zu sehen. Die Stadt würde sich als autofreie Innenstadt sicher sehr gut eignen«, sagte sie – und sorgte damit für Lacher und Applaus gleichermaßen.

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Autos sind überwiegend Stehstatt Fahrzeuge

Die überwiegende Zahl der 147 Millionen deutschen Fahrzeuge seien ja keine Fahr-, sondern Stehzeuge, »weil sie pro Tag durchschnittlich 23 Stunden stehen und dabei eine Parkfläche einnehmen, die dreimal so groß wie das Saarland ist. 70 Prozent der Fahrten sind unter zehn Kilometer Länge«, sagte sie. Die Zukunft der Mobilität sehe sie in einem optimierten ÖPNVNetz und in Mobilitätsformen, die für jeden nutzund zahlbar sind und auf ökologischer Basis betrieben werden. Konkret schlug sie den vermehrten Einsatz von elektrisch betriebenen Lastenrädern in Städten und autonome Busse vor.

Kemfert wies auf den »Earth Overshoot Day« hin, der von 2000 bis 2018 vom 1. November auf den 1. August vorgerückt sei. An diesem Tag seien die Ressourcen für das jeweilige Jahr verbraucht, die der Planet zur Verfügung stellt. »Das Ziel muss eine dekarbonisierte Welt auf der Grundlage erneuerbarer Energien sein«, so die Professorin.

Die wichtigsten Ansatzpunkte sah sie bis 2030 neben der Verkehrswende im Kohleausstieg und der Gebäudeenergie-Wende. Der Emissionshandel erfülle die klimapolitischen Ziele nicht, Erdgas und Benzin seien im Vergleich zum Strom derzeit zu gering besteuert. Studien belegten, dass die Energiewende keine Frage der Technik sei, sondern des politischen Willens. Auch dafür erntete Kemfert viel Applaus.

Empfehlungen für Kommunalpolitiker

Die Fridays-for-future-Bewegung trage nun dazu bei, dass sich in der Klimapolitik etwas bewege, das sei zu begrüßen. Auf die Frage von Dr. Rainer Schenk nach Empfehlungen für Kommunalpolitiker antwortete Kemfert, Alternativen des Lebensstils zu hinterfragen. Es gehe darum, ein positives Wachstum zu fördern, das umweltverträglich ist. Politiker sollten Mut machen, Lösungen schaffen und die Demokratie stärken.

Das Podium war besetzt mit Mitgliedern des Kreistags wie Karl Schleid (CSU), Bürgermeister in Trostberg, Dirk Reichenau (SPD), dritter Bürgermeister in Tittmoning, Landtagsabgeordnete Gisela Sengl (B90/Die Grünen), Dr. Lothar Seissiger (FW/UW), Heinz Wallner (BP), Hermann Hofstetter (ÖDP), Prof. em. Dr. Georg Auernheimer (Die Linke), sowie den Vertretern von Fridays for future vom CHG Traunstein, Mirjam Förg und Tobias Kohler.

Zunächst wurden die Podiumsteilnehmer von Moderator Axel Effner nach ihrem privaten Engagement zur Klimaneutralität befragt. Dabei erzählte Hofstetter, hauptberuflich Umweltmanagementbeauftragter und Fachreferent im Erzbischöflichen Ordinariat, von seiner Tätigkeit als ehrenamtliches Vorstandsmitglied bei »Tagwerk«, einer landwirtschaftlichen Verbraucher- und Erzeugergenossenschaft, die sich als »ökologisch-regionales Netzwerk für alle« sieht, um Produkte von Bioland, Naturland, Demeter oder Biokreis zu vermarkten. »Tagwerk« besteht seit 35 Jahren, umfasst über 100 landwirtschaftliche Betriebe, beliefert 17 Vollkornfilialen in München, hat Bioläden und Bio-Metzgerei im Umkreis von München, setzt jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag um, sieht sich aber als am Gemeinwohl orientierte Genossenschaft ohne Gewinnabsicht.

Auf die Frage, ob ein solches Konzept auch etwas für Trostberg sein könnte, antwortete Schleid, dass neue Modelle zum Schutz der Umwelt auf jeden Fall entwicklungsfähig seien.

Nächste »F4F-Demo« ist am 29. November

Zu Wort kamen auch die Vertreter der Fridays-for-future-Bewegung (F4F). Der 15-jährige Tobias Kohler erachtete die Ansätze im Landkreis zur Klimaneutralität schon als guten Anfang, der im Verhältnis zu anderen Regionen überdurchschnittlich sei, »doch die Ziele sind damit noch lange nicht erreicht«. Besonders gut gefallen ihm das im Februar gewählte Organisationsteam seiner Bewegung aus sieben Schülern und drei Studenten. und dass zur letzten Demo 800 Leute gekommen sind. »Am 29. November folgt die nächste große F4F-Demo in Traunstein«.

Dass demonstrierende Schüler wichtigen Lehrstoff versäumen, befürchtete er nicht. »Der Ausfall ist in der Relation zum Gesamtunterricht relativ gering«, außerdem habe die Bewegung mittlerweile »Teachers for Future«-Apps eingerichtet, in denen der versäumte Unterricht nachgelernt werden könne. »Unterm Strich bringt es auf jeden Fall mehr Vor- als Nachteile, weiter zu demonstrieren.« Schließlich gehöre er zur ersten Generation, die mit den Folgen des Klimawandels leben müsse und zur letzten, die noch etwas dagegen tun könne.

Erziehungswissenschaftler Georg Auernheimer meinte, stärker eingebundene Schüler könnten durchaus Vorteile aus ihrem Engagement ziehen: Sie müssten sich mit politischen Zusammenhängen und technischem Wissen auseinandersetzen, um gegen Widerstände argumentieren zu können. »Das bereichert sicher die Entwicklung der Jugendlichen«.

Forderungskatalog an die Stadt Traunstein

Die nächste Aktion der F4F-Bewegung bezieht sich auf zwei Anträge bei der Stadt Traunstein. Zum einen soll der Stadtrat den Klimanotstand ausrufen, zum anderen ist unter Berufung auf Artikel 20a des Grundgesetzes der Traunsteiner Stadtrat aufgerufen, innerhalb von 90 Tagen einen Klimaschutzplan zu erstellen und einen »Stadtklimarat Traunstein für Klimaschutz und Nachhaltigkeit« einzurichten.

Ziel sei es, bis 2025 die CO2-Reduktion klimaneutral zu gestalten. Der Forderungskatalog an die Stadt Traunstein umfasst vier Seiten: Vom Ausbau erneuerbarer Energien, ÖPNV, (nicht) motorisiertem Individualverkehr, über nachhaltige bauliche Mindeststandards bis zum Stadtgrün, zu regionaler Ernährung, sowie effizienter Abfall- und Ressourcenwirtschaft reichen die Ideen und Forderungen. az

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