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Sehnsucht nach der verlorenen Zeit

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Dialog im Keller bei Nudelsuppe und Wein: Der rundum vernetzte Modemacher August (Franz-Josef Fuchs) und die nirgends registrierte Cornelia (Christa Fuchs) nähern sich an. (Foto: Mergenthal)

Zwei Welten prallen aufeinander: Hier der gestresste, rundum vernetzte Geschäftsmann, der sein Leben an die Wand gefahren hat – dort die entspannte »Sandlerin«, die nirgends gemeldet oder digital erfasst ist und nach einem Zusammenbruch ganz neu begonnen hat. Ihre ungewöhnliche Begegnung in einem Traunsteiner Keller stellten Franz-Josef Fuchs und Christa Fuchs nun in dem faszinierenden Zwei-Personen-Theaterstück »Verlorene Zeiten« im Traunsteiner NUTS dar.


Eine Komödie mit viel schwarzem Humor

Die Premiere der Wiederaufnahme aus dem Jahr 2014 war gut besucht und ließ so manchen Zuschauer nachdenklich zurück. Die finstere, an Metaphern und schwarzem Humor reiche Komödie entfachte dennoch zarte Hoffnungsfunken. Der Südtiroler Regisseur Dietmar Gamper schrieb sie dem Traunsteiner Theatermacher und Schauspieler und seiner Mutter zum 15-jährigen Bestehen ihrer Kulturfabrik »auf den Leib«. Nun wurde sie ein Höhepunkt im 20. Jahr der Kleinkunstbühne.

Im Dunkeln beginnt das hinter- und tiefgründige Spiel: Penetrant tropft ein Wasserhahn, unheimlich hallen Schritte. Jemand kommt die Treppe herunter. Es ist der arrogante Modemacher August, der nach langer Zeit mal den Keller seines Hauses betritt. Als sich auf dem Liegestuhl zwischen allerlei Gerümpel und Müll etwas rührt, erschrickt er zutiefst. »I dua da nix. Schaugst aa amoi in dein Keller?«, beruhigt ihn die ältere Cornelia.

In immer neuen Anläufen versucht August, die »Sandlerin« aus seinem Keller zu bekommen. Seine endlosen Monologe, sein Stottern, sein panisches Hinauflaufen und zögerndes Wiederzurückkehren verraten die tiefe Verunsicherung, die die Frau in ihm auslöst. Ein Holzgitter wie bei einem Kellerabteil trennt den ganzen Abend die Akteure von den Zuschauern. Sie sind in ihrer eigenen Welt, ihrem eigenen Käfig, und die Stäbe dienen August so manches Mal als Halt. Das Gitter verdichtet die Eindringlichkeit dieser skurrilen Begegnung zwischen Müll und iPad.

Immer, wenn sich Cornelia in ihrer liebevoll eingerichteten und gepflegten kleinen Welt eigenständig bewegt, wenn sie beginnt, durch das Entzünden vieler Windlichter »Licht« zu machen, mit selbst gesammeltem Holz einzuheizen, Gemüse zu schneiden und eine Suppe zu kochen, bekommt August einen neuen Tobsuchtsanfall. Cornelia reagiert mit Schweigen, Langsamkeit, In-sich-Gekehrtheit.

Am Anfang sieht das Publikum nur ihren Rücken, zum Ende hin gewinnt die kunstvoll inszenierte, von Christa Fuchs mit Hingabe und ausdrucksstarker Mimik verkörperte Rolle Kontur, Farbe und Leben. Sie lädt ihn zum Essen ein, er isst zunächst widerstrebend, dann gierig und schüttet ein paar Gläser ihres Weins hinunter.

Augusts Lebenslüge wird offensichtlich

Im mit Ironie und Situationskomik gespickten Dialog tritt Augusts Lebenslüge zutage, auf die er seinen Erfolg gebaut hat: Man ist das, was man aus seinem Leben macht. Es kommt heraus, dass er alles verspielt und verloren hat, seine Karriere, seine Freundin, seine Tochter, mit der er fast nur noch über soziale Medien kommuniziert. Ihm wurde sogar im von den Eltern geerbten Haus Gas, Strom und das Internet abgedreht. Fuchs geht in dieser Rolle so richtig auf.

Die ältere Frau wird ihm immer unheimlicher. Sie diskutiert mit anderen »Pennern« aus diversen Schlupflöchern in Nachbaranwesen regelmäßig im Dunkeln in der alten Schule über neue Visionen für die Gesellschaft. Die Begegnung spitzt sich zum Psychothriller zu.

Am Ende zeigt sich, dass die scheinbar perspektivenlose Cornelia bereits das lebt, wonach sich August in der Tiefe seines Herzens sehnt. Früher hatte sie eine Apotheke, doch sie hatte es satt, den Menschen nur Pillen für ihre Symptome zu verkaufen. »Wos is de Ursach? Sie haben die Zeit verloren. Zum G’sundwerden brauchst zwoa Voraussetzungen: Zuwendung und Zeit.« Sie konnte nicht mehr und begann ganz unten von vorne.

Intensiv studierte sie das alte, vergessene Kräuterwissen der Vorfahren. Stolz öffnet sie den Schrank voller selbst gemischter Tinkturen und Salben. Die philosophische, gesellschaftskritische Frage wird aufgeworfen: Wer ist eigentlich oben, wer unten? Wer ist Gewinner, wer Verlierer? Eine wahre Geschichte, das Schicksal einer italienischen Apothekerin, steckt dahinter. Das Schicksal von Cornelia wird in dem Stück nicht verklärt, doch das Befreiende der Entlarvung von Lebenslügen verdichtet sich in ihrer Gestalt. Das Publikum reagiert mit begeistertem Applaus. Veronika Mergenthal