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»Rote Lippen soll man küssen, oder?!«

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Mit ein bisschen Farbe auf den Lippen lässt sich ein großer Effekt erzielen, das zeigt die onkologische Kosmetikerin Margit Flechsenhar (links) Krebspatientin Doro. Die Kosmetikerin gehört zum Team der Ehrenamtlichen in der »Wohlfühlwerkstatt«. (Foto: Wannisch)

Traunstein – Etwas unschlüssig hält Doro (Namen aller Patientinnen geändert) den Kosmetikspiegel in der Hand, wendet ihr Gesicht von links nach rechts und zurück, schürzt ihre tief rot geschminkten Lippen. Mit durchgedrücktem Rücken sitzt sie auf einer Behandlungsliege. »Meinst du wirklich? Steht mir das?«, fragt sie Margit Flechsenhar. Die blaugrauen Augen der 38-Jährigen sind voller Zweifel. »Ich hab dir doch schon öfters gesagt, Mut zur Farbe«, beruhigt die Kosmetikerin und lächelt Doro aufmunternd zu.


Aus dem Zimmer nebenan schallt lautes Gelächter. Es ist Dienstagnachmittag, die Traunsteiner »Wohlfühlwerkstatt« hat ihre Tür geöffnet. Acht Frauen zwischen Ende 30 und Anfang 70 und ein Mann sitzen um einen runden Tisch, auf dem Kaffee, Kuchen und Wasser stehen. Barbara (43) wird stets von ihrem Mann begleitet, er hat heute den Nusskuchen mitgebracht. Kosmetiktipps, Klatsch und Kuchen, das klingt nach Kaffeekränzchen. Die Frauen, die an diesem Nachmittag in dem Zimmer mit den grün gestrichenen Wänden sitzen, haben etwas gemeinsam: Sie haben Brustkrebs.

Statistisch gesehen erkrankt eine von acht Frauen an Brustkrebs. Das Mammakarzinom ist derzeit die häufigste bösartige Erkrankung von Frauen. Man rechnet mit über 70 000 Neuerkrankungen pro Jahr allein in Deutschland, wie es im Flyer des Traunsteiner Brustzentrums heißt. Wer die Diagnose hat, dessen Leben ändert sich von heute auf morgen radikal: Chemotherapie, Operation, Bestrahlung, der Kampf mit den Nebenwirkungen und mit der eigenen Psyche. Die Krankheit diktiert den Alltag.

Schock, Wut, Trauer, Unsicherheit, Hilflosigkeit – all diese Gefühle kennen die Patientinnen, die immer am ersten Dienstag im Monat in die »Wohlfühlwerkstatt« kommen. Die ehrenamtlich von einem Verein geführte Einrichtung soll für Patienten aller Krebsarten ein »Wohlfühl-Ort« in familiärer, gemütlicher und entspannter Umgebung sein. Das Angebot nutzen allerdings hauptsächlich Frauen.

Rückzugsraum für Krebspatienten

2013 hat Annemarie Emmer die Räume des Vereins »Die Wohlfühlwerkstatt« am Stadtplatz 5 eröffnet. Damals war sie am Brustzentrum in Traunstein tätig, und merkte, dass die Krebspatientinnen einen Rückzugsraum jenseits von Krankenhaus und onkologischen Praxen brauchen, zum Luftholen und Mut tanken. Seither kümmert sie sich mit dem Verein »Die Wohlfühlwerkstatt« ehrenamtlich um die großen und kleinen Nöte der Frauen. Unterstützt wird sie von der zertifizierten, onkologischen Kosmetikerin Margit Flechsenhar und der zertifizierten Zweithaarspezialistin Lucia Pinto.

Die Stimmung ist locker, alle duzen sich. »Wir sind keine Selbsthilfegruppe, das klingt so nach Anonymen Alkoholikern«, betont Emmer und beginnt schallend zu lachen. Sie ist die Mutter der Kompanie, als Pflegeexpertin für Brusterkrankungen hat sie auf (fast) alle Fragen eine Antwort; und wenn nicht, weiß sie, woher man eine kompetente Antwort bekommt.

Das beantwortet auch die Frage, warum die Frauen so gerne zu Annemarie kommen: Die »Wohlfühlwerkstatt« ist Balsam für die Seele der Betroffenen. Man könne sich ungezwungen austauschen, über die Erfahrungen mit den verschiedenen Medikamenten sprechen, wer welche Nebenwirkungen habe und was dagegen hilft, wo man sich operieren lasse ... »Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft«, ergänzt Krebspatientin Maria. Wer genau zuhört, merkt, es gibt nicht den einen Brustkrebs, jedes Karzinom ist individuell.

Es ist unmöglich, den Krebs zu vergessen

»Es gibt keinen Moment, an dem du nicht an diesen Scheiß Krebs denkst«, bringt es Doro auf den Punkt. Die anderen Frauen stimmen ihr zu. Schon allein der Blick in den Spiegel mache es unmöglich, die Krankheit zu vergessen. Der Kopf der 38-Jährigen ist kahl, nur ein leichter Flaum ist erkennbar. Eine der sichtbaren Nebenwirkungen der Chemo. Seit fast sechs Monaten kämpft sie nun gegen ihren Krebs. Sie hat nicht nur einfach Brustkrebs, Doro hat »Triple negative« und das Brustkrebs-Gen, »die absolute Mittelfingerkategorie«. Ihr Karzinom ist sehr aggressiv und die Rückfallquote liegt bei 85 Prozent. Die Chemo hat sie hinter sich, im März wird sie operiert. Während Doro ihren neuen »Krebs-Look« bewusst trägt und auf eine Perücke verzichtet, verbirgt die 72-jährige Renate ihren haarlosen Kopf unter einer grauen Wollmütze.

Haarausfall, auch Wimpern und Augenbrauen sind davon betroffen, eine empfindliche Haut, all diese sichtbaren Folgen der Chemo belasten die Frauen zusätzlich. Hier kommt Margit Flechsenhar ins Spiel. »Ich sorge dafür, dass die Frauen wieder erhobenen Hauptes aus der Wohlfühlwerkstatt gehen«. Das zehnminütige Verwöhnprogramm mit Reinigung, Peeling, Tagespflege und ein auf den Typ abgestimmtes Make-up gehört zum kostenfreien Angebot. Im Vordergrund steht, das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken.

Auf dieses Angebot lässt sich an diesem Nachmittag Renate zum ersten Mal ein und nimmt auf der Behandlungsliege im Nebenraum Platz. Der Seniorin sieht man ihre 72 Jahre nicht an. Ihr Typ ist kernig, das Outfit lässig, die Wollmütze gibt Renate etwas Freches. Früher habe sie sich auch geschminkt, dezent. Jetzt fehlen Augenbrauen, Wimpern und irgendwie auch das Vertrauen in sich selbst. »Es tut gut, wenn man hier so liegt, und die Streicheleinheiten genießt.« Mit geschickten Strichen zeichnet Flechsenhar dort Augenbrauen nach, wo derzeit kein Haar wächst, mit einem schwarzen Kajal wird getrickst, um die Augen zu betonen. Ganz zum Schluss trägt die Kosmetikerin noch dunkelroten Lippenstift auf, zum Ausprobieren. »Es ist Zeit für Veränderung«, macht sie Renate Mut, die anfangs wenig überzeugt ist. »Es heißt doch, rote Lippen soll man küssen, oder?!«, ergibt sich ihrem Schicksal und lacht. Margit Flechsenhar nickt wissend.

»Wie Phönix aus der Asche«

Als Renate anschließend an den runden Tisch zurückkehrt, geht ein Raunen durch den Raum. »Hey, wer kommt denn da«, ruft ihr Barbara entgegen. »Wie Phönix aus der Asche«. Und schon geht es um Stylingfragen und Schmucktipps und nicht mehr um Krebs. Verena Wannisch

Die »Wohlfühlwerkstatt« am Stadtplatz 5 (1. Stock) in Traunstein hat jeden ersten Dienstag im Monat geöffnet. Ansprechpartnerin ist Annemarie Emmer, Telefon 0861/21 46 98 76. Wer den Verein »Die Wohlfühlwerkstatt« unterstützen will, kann auf folgendes Konto spenden: Die Wohlfühlwerkstatt e.V.; VR Bank Oberbayern Südost; Konto: 8299994; IBAN: DE67 7109 0000 0008 2999 94.