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Leben in einer ganz eigenen Welt

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In einer ganz eigenen Welt leben Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen. Versuche der Eltern, mit ihnen in Kontakt zu treten, sind oft nicht von Erfolg gekrönt. (Foto: Hohler)

Traunstein – Frau B. sitzt im Wartezimmer und wartet freudig auf ihren fünfjährigen Sohn. Sie zeigt ihm deutlich ihren Wunsch, von ihm begrüßt und als emotional wichtige Person wahrgenommen zu werden. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist auf ihren Sohn ausgerichtet. Sie versucht, ihn mit Gesten und Rufen seines Namens auf sich aufmerksam zu machen. Ohne sie anzuschauen, geht er an ihr vorbei zur Tür und untersucht diese intensiv.


Frau B. ist die Enttäuschung deutlich anzumerken. Situationen wie diese erleben die Mitarbeiter der Autismus-Ambulanz des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) im Klinikum Traunstein fast täglich. Es betrifft rund ein Prozent aller Menschen in Deutschland.

In die Autismus-Spezialambulanz am SPZ kommen Eltern mit Kindern unterschiedlichen Alters, um den Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) abklären zu lassen. Häufig kommen sie auf Empfehlung von Kinderärzten, Erziehern oder Lehrern, denen bei den Kindern besondere Verhaltensweisen und Entwicklungsprobleme aufgefallen sind. Für eine Vorstellung in der Spezialambulanz sind nur eine Absprache und eine Überweisung des Kinderarztes notwendig. Eltern spüren oft schon früh, dass ihre Kinder »anders« auf sie reagieren, ihre intuitiven Bemühungen um Kontakt finden wenig Resonanz. Teilweise zeigen die Kinder schon im Säuglingsalter eine große Unruhe, sind dann kaum mit Ablenkung und tröstendem Körperkontakt zu beruhigen.

Auffälligkeiten bei Autismus

Kinder mit Autismus reagieren irritiert auf jegliche Veränderungen oder fallen durch fehlende Hinwendung zu anderen Kindern und fremden Personen auf. Sie sind aber besonders interessiert an Gegenständen und an bestimmten Handlungen, oft mit einer Fixierung auf Details, zum Beispiel Räder von Autos, Aufzüge, Lichtschalter. Sie haben wenig eigene Möglichkeiten, sich von dieser Fixierung zu trennen, sie zu verändern oder planvolle Spielhandlungen zu beginnen. Betroffene Kinder reagieren kaum auf Aufforderungen, zeigen aber spontanes Interesse an bestimmten Geräuschen oder belecken oder beschnüffeln zum Beispiel Gegenstände. Die kindliche Reaktion auf den eigenen Namen ist verzögert oder fehlt trotz guter Hörfähigkeit. Es sind aber auch sogenannte Sonderinteressen zu beobachten:  Das sind besondere Fähigkeiten in Teilbereichen   und  ausgeprägte Wahrnehmungsqualitäten.

Die Sprache entwickelt sich bei Kindern mit Autismus oft stark verspätet, setzt gar nicht ein oder ist auf andere Weise wie etwa Wortneuschöpfungen oder eine besondere Sprachmelodie ungewöhnlich. Jedenfalls setzen diese Kinder Sprache oder non-verbale Mittel wie Blicke, Gestik, Aufforderungen nicht kommunikativ, das heißt, nicht aussagekräftig oder wechselseitig im Dialog ein, sondern eher zur Erfüllung ihrer auf sich bezogenen Bedürfnisse. »Wir sprechen inzwischen von 'Autismus-Spektrum-Störungen', das heißt, dass die Schwere und die Art der Symptomatik sehr unterschiedlich ausgeprägt und variabel sein können. Auf die Diagnose hinweisend und qualitativ typisch auffällig sind aber die Sprache, die mangelnde Flexibilität im Denken und Handeln sowie das Sozialverhalten«, so Dr. Marianne Verena Ploog, Kinder- und Jugendpsychiaterin und Leiterin der Autismus-Ambulanz am SPZ Traunstein.

Art der Störung diagnostizieren

Mit Hilfe einer ausführlichen Erfassung der Vorgeschichte, standardisierten Tests oder Fragebögen, Spiel- und Verhaltensbeobachtungen sowie weiteren notwendigen medizinischen Untersuchungen, zum Beispiel aus Genetik oder Neuropädiatrie, diagnostiziert seit 2011 ein Team aus Kinder- und Jugendpsychiaterin, Psychologin, Ergotherapeutin, Physiotherapeutin und   Logopädin   in  der Spezialambulanz am SPZ die Art der Störungen. Dies dient der   weiteren  Planung von Förderungen und Therapien sowie der Beratung und   Begleitung der Eltern.

»Aus unserer Erfahrung«, so Dr. Ploog, »sind ein Teil der vorgestellten Kinder von anderen Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen betroffen, die ähnliche Verhaltens- und Kommunikationsauffälligkeiten zeigen. Dies sind zum Beispiel Kinder mit Entwicklungsrückstand in Motorik, Sprache oder Intelligenz. Dies gilt es dann differentialdiagnostisch auszuschließen oder zu der Autismus-Diagnose zu ergänzen. Besonders bei sehr jungen Kindern ohne oder mit noch wenig Sprache ist eine eindeutige Festlegung der Diagnose oft nicht möglich und nicht zielführend, hier bauen wir auf Förderung und Prozessdiagnostik.«

Das Autismus-Team befasst sich also zum großen Teil mit der Diagnostik, in bestimmten Fällen kann bei Vorschulkindern auch eine autismusspezifische Therapie in Logopädie und Ergotherapie angeboten werden. Eltern können sich bei Fragen an das SPZ Traunstein unter der Telefonnummer 0861/70 51 560 wenden. fb