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In Zweidrittel der Fälle ist die Infektionsquelle unbekannt

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Dr. Wolfgang Krämer, Chef des Traunsteiner Gesundheitsamts, hält den Lockdown Light im November für wichtig, um das Infektionsgeschehen wieder besser in den Griff zu bekommen. Foto: dpa

Traunstein – Seit Montag gilt in Deutschland wieder ein Lockdown. Die Bundesregierung spricht von einem »Wellenbrecher«. Ob Kultur, Sport oder der Besuch im Wirtshaus – fast alles, was Spaß und Freude macht, ist bis Ende November untersagt. Auch Kontakte sollen wieder deutlich reduziert werden, um das Infektionsgeschehen wieder besser in den Griff zu bekommen. Wie schnell das gehen kann, zeigt das Beispiel Berchtesgadener Land. Das Traunsteiner Tagblatt hat im Gespräch mit dem Leiter des Traunsteiner Gesundheitsamts, Dr. Wolfgang Krämer, über die aktuellen Maßnahmen gesprochen.

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Was kann der aktuelle Lockdown Light bringen?

»Durch konsequente Kontaktreduzierung soll erreicht werden, dass die Anstiegskurve abgeflacht wird«, sagt der Gesundheitsamtschef. Dass dies funktioniere, habe man mit dem vorzeitigen Lockdown im Berchtesgadener Land gesehen.

»Wir haben dort immer noch eine hohe Inzidenz, aber der exponentielle Anstieg und die Verbreitungsgeschwindigkeit wurden deutlich gebremst.« Vom bundesweiten Ziel des Lockdowns wieder auf eine Inzidenz von unter 50 (aktuell liegt sie bei 120, Anm. d. Red.) zu kommen, »da sagt mir mein Bauchgefühl, dass das eine zu hohe Erwartung sein könnte«, sagt Krämer.

Wichtig sei der Lockdown trotzdem, um das Gesundheitssystem nachhaltig zu entlasten. Derzeit sei die Situation im Landkreis Traunstein noch gut zu meistern, aber die Zahl der Covid-19-Patienten, die in medizinische Behandlung müssen, steige auch hier an. Krämer hofft, dass die Maßnahmen in zwei bis drei Wochen eine erste Wirkung zeigen. »Die Lage wird aber auch im Dezember noch angespannt sein, wie angespannt, das liegt an jedem einzelnen von uns«, macht der Mediziner deutlich.

Wie viele Infizierte zeigen tatsächlich Symptome?

Der Gesundheitsamtsleiter macht hier ganz deutlich: »Von den nachweislich an Covid-19 positiv Getesteten, zeigen bei Erstkontaktaufnahmen durch das Gesundheitsamt bereits rund 50 Prozent Krankheitssymptome, die meisten davon leichte, erkältungsähnliche Symptome.« Was sich weniger dramatisch anhört, sieht Krämer aber als problematisch an, denn »von der Gesamtzahl der Infizierten entwickeln 20 Prozent schwere Symptome«. Das reiche hin von einer ambulanten Behandlung bis hin zu den ganz schweren Fällen, die auf der Intensivstation beatmet werden müssen.

»Und je höher die Gesamtzahl der Infizierten ist, desto höher ist auch die Zahl derer, die wirklich schwer erkranken«, betont Dr. Krämer.

Das Tückische an der Krankheit sei, dass auch derjenige, der zunächst kaum oder nur leichte Symptome zeige, noch schwer erkranken könne. Risikopatienten hätte nach wie vor schlechtere Voraussetzungen, aber grundsätzlich gelte laut Krämer, dass sich niemand aufgrund seines Alters oder seiner Gesundheit in Sicherheit wiegen dürfe.

Können die Quellen der Infektion noch ausgemacht werden?

»Viele können sich an das auslösende Ereignis nicht erinnern«, betont der Mediziner. Man müsse sich selber nach einem positiven Test fragen, wen man alles in den vergangenen zwei Wochen wie lange wo getroffen habe.

»Es ist aktuell aufgrund der diffusen und flächigen Ausbreitung des Virus auch im Landkreis in Zweidrittel der Fälle nicht mehr möglich, die Quelle der Infektion auszumachen«, betont der Gesundheitsamtsleiter. Lediglich bei einem Drittel könne man einen Zusammenhang mit Infektionen in der Familie oder im engen Freundeskreis erkennen. »Oft sind diese Fälle dann schon in Quarantäne gewesen als bekannte Kontaktpersonen.«

Daher seien auch die 14 Tage Isolation für Covid-19-Patienten sinnvoll, macht der Gesundheitsamtschef im Gespräch mit unserer Zeitung klar. Denn innerhalb von zwei Wochen kann ein Infizierter noch Symptome entwickeln und andere anstecken.

Warum sind Kontaktbeschränkungen derzeit wichtig?

Krämer verweist auf die 66 Prozent der Infektionen, für die keine Ursache nachgewiesen werden kann. »Je mehr Leute Sie treffen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens, dass man sich infiziert, aber auch, dass man nicht mehr weiß, bei wem man sich angesteckt haben könnte.« Je weniger soziale Kontakte man hat, desto besser sei der Überblick zu behalten.

Dr. Krämer fände es zudem hilfreich, dass so viele wie möglich die CoronaWarnApp nutzen. Zudem sollte es verpflichtend sein, bei einem positiven Test das Ergebnis auch einzutragen. »So könnten viele Leute deutlich schneller gewarnt werden, als wenn das aufwändigere Contact Tracing per Telefon erfolgt.«

Könnte die Viruslast bei Covid-19-Patienten künftig ausschlaggebend sein für die Dauer der Quarantäne?

Es klingt so einfach, jemand ist positiv auf das Virus getestet, aber nicht infektiös, muss daher nicht in Quarantäne, und kann ganz normal am Leben teilnehmen. »Anhand der PCR-Tests kann die Viruslast grundsätzlich ermittelt werden«, betont auch der Mediziner. Bisher zählt hauptsächlich der qualitative Test, ob ein Ergebnis positiv oder negativ ist.

Mit den PCR-Tests könne laut Krämer aber auch leicht die Viruslast ermittelt werden, indem er quantitativ ausgewertet wird. »Das bedeutet, wie häufig muss ich die Replikation wiederholen, bis ich das Virus nachweisen kann«, sagt Krämer. Je häufiger das der Fall ist, desto geringer ist die Viruslast.

Jedoch hat dieses Verfahren aktuell eine Grenze: »Wir kennen den Schwellenwert nicht, ab wann Replikationszyklen auf eine geringe Ansteckungsfähigkeit hinweisen.« Vor allem bei Ersttestungen, wenn man nicht weiß, in welcher Phase der Infektion der Getestete ist, ist die quantitative Auswertung wenig aussagekräftig. »Er kann zum Zeitpunkt der Abstrichnahme theoretisch noch eine geringe Viruslast haben und sich kaum krank fühlen, jedoch nach wenigen Tagen noch schwer erkranken und eine hohe Viruslast entwickeln«, macht Krämer deutlich. »Wir kennen Stand heute keinen Prädikativwert.« Anwendung findet dieses Verfahren bisher nur bei klinisch wiedergenesenen Patienten, die die Krankheit also vollumfänglich durchgestanden haben. »Hier kann ein genesener Patient noch Viren ausscheiden, aber für diese Fälle kennen wir den Cutoff-Wert, wann die Virenlast noch mit einer Ansteckungsfähigkeit einhergeht«, so Krämer.

Warum nennt der Landkreis Traunstein weiterhin nicht die Zahl der Infizierten pro Kommune?

»Aus medizinischer Sicht macht es wenig Sinn, diese Zahlen zu nennen, da es Momentaufnahmen sind«, sagt Dr. Krämer. Er trage die Sorge, dass die Akzeptanz der aktuellen Maßnahmen sinke, wenn die Infektionszahlen in einem Ort gerade etwas niedriger ist. »Die Menschen werden dann sorglos, weil sie denken, hier kann mir nichts passieren. Und das ist eine falsche Sicherheit, in der man sich wiegt.« Er ruft alle Bürger dazu auf, sich und ihre Mitmenschen bestmöglich zu schützen – unabhängig vom Wohnort.

Es gehe der Behörde aber auch um den Persönlichkeits- und Patientenschutz der Betroffenen. Bei einer Veröffentlichung der aktuell Infizierten aufgeschlüsselt nach Gemeinden wären aus Krämers Sicht Personen gerade in kleineren Gemeinden schnell identifizierbar. »Leider erreichen uns immer wieder teils erschütternde Berichte, dass an Covid-19 Erkrankte stigmatisiert werden. Wir haben hier auch die psychische Gesundheit der Infizierten im Blick«, betont Krämer. Er selbst, der im Landkreis Berchtesgadener Land lebt, habe mitbekommen, wie Einwohner des Nachbarlandkreises angefeindet wurden, als dort die Infektionszahlen explodierten und der regionale Lockdown kam. Am Ende des Gesprächs äußert Krämer einen persönlichen Wunsch: »Vielleicht können wir aus dieser ganzen Sache lernen, wieder mehr das 'Wir' und weniger das 'Ich' in den Vordergrund zu stellen.« Das würde besonders dem Gesundheitsdienst helfen, der alle und nicht nur den Einzelnen im Blick hat. vew