weather-image
25°

Forum auf dem Campus St. Michael wird größter tragender Lehmbau in Deutschland

5.0
5.0
Traunstein: Forum auf dem Campus St. Michael wird größter tragender Lehmbau in Deutschland
Bildtext einblenden
Architektin Anna Heringer aus Laufen: »Ich finde das ganz toll, wenn die Kirche vorgibt, dass wir ethisch, ressourcenschonend und damit nachhaltig bauen müssen.« (Foto: Pültz)

Traunstein – Nicht aus Holz, nicht aus Ziegeln und nicht aus Beton wird das sogenannte Forum bestehen, das einmal den Campus St. Michael als zentrales, neues Gebäude schmücken wird.


Die Stiftung Erzbischöfliches Studienseminar, die das großräumige Bildungsgelände christlicher Prägung in den nächsten Jahren, unterstützt von der Erzdiözese, für rund 45 Millionen Euro aus der Taufe hebt, hat ganz bewusst die Weichen für diese alternative Bauweise gestellt, weil sie nachhaltig, also ressourcenschonend vorgehen will.

Anzeige

An ihre Seite genommen hat die Stiftung eine Architektin, die sich wie kaum eine andere mit Lehmbauten auskennt: Anna Heringer aus Laufen. Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt erläutert die Architektin, wie sie das Forum auf dem Campus plant, das einmal der größte, tragende Lehmbau in Deutschland sein wird.

Warum verwenden Sie gerade Lehm als Baumaterial für das Forum?

Der Lehm ist das wichtigste und das wertvollste Baumaterial, das auf der Erde zur Verfügung steht. Er ist in sehr großen Mengen vorhanden. Er ist gesund für den Menschen, für den Planeten und die Gesellschaft.

Wie verändern sich denn die Kosten für das Forum, wenn Sie kein herkömmliches, sondern dieses alternative Baumaterial verwenden? Um wie viel Prozent steigen beziehungsweise fallen sie?

Ein Lehm- ist teurer als ein Betonbau. Um wie viel Prozent genau die Baumaßnahme auf dem Campus nun mehr kostet, kann ich nicht sagen. Es ist völlig verrückt: Der deutsche Staat besteuert den Ausstoß von CO2 nicht, den Einsatz menschlicher Arbeitskraft jedoch schon. Und so ist das Bauen mit Beton, bei dessen Herstellung jede Menge Kohlendioxid freigesetzt wird, teurer als das Bauen mit Lehm, das vor allem mit menschlicher Arbeitskraft vor sich geht.

Wie haben Sie denn den Auftrag für die Planung des Forums bekommen? Sind Sie auf die Kirche zugegangen oder anders herum die Kirche auf Sie?

Die Kirche hat das Forum gezielt als Lehmbau ausgeschrieben. So etwas hat es in Deutschland noch nie gegeben. Ich finde das ganz toll, wenn die Kirche vorgibt, dass wir ethisch, ressourcenschonend und damit nachhaltig bauen müssen. Drei Büros gaben Bewerbungen für das Forum ab, den Auftrag erhielt schließlich die Arbeitsgemeinschaft Heringer und Romstätter.

Wie ist der Lehmbau einzustufen, den Sie planen?

Das Forum, das wir bauen, wird der größte, tragende Lehmbau in Deutschland sein. Ähnliche Ausmaße hat allein die Firmenzentrale von Alnatura in Darmstadt. Während Alnatura jedoch Stahlträger mit eingebaut hat, verzichten wir auf diese Unterstützung. Das aus Lehm gebaute Forum in Traunstein wird sich selbst tragen.

Welche Größe wird denn das Forum auf dem Campus St. Michael einmal haben?

Das Forum wird 70 Meter lang und 55 Meter breit sein und ein bis drei Geschoße haben.

Wie viel Lehm verbauen Sie voraussichtlich, wenn Sie das Forum errichten?

2250 Quadratmeter Lehmfläche werden es werden.

Von wo beziehen Sie denn diese Massen an Lehm, die Sie benötigen?

Wir werden sicherlich auch Material verbauen, das beim Aushub der Baugrube anfällt. Im Idealfall müssen wir zusätzlich vielleicht gar keinen Lehm einkaufen. Das Material, das im Boden liegt, ist eine Mischung aus Lehm und Steinen. Womöglich muss man noch etwas hinzuzufügen – vielleicht auch etwas mehr bindiges Material oder Tonpulver –, dann kann man loslegen. Zu lösen ist aber vor allem auch die Logistik. So brauchen wir viel Platz zum Lagern und zum Bearbeiten, auch eine Halle im besten Fall mit Kranschiene muss zur Verfügung stehen.

Wer kann und wird mit dem alternativen Baumaterial auf dem Campus arbeiten?

Es gibt einige Firmen, die mit Lehm umgehen können. Alnatura zum Beispiel hat eine Firma mit Sitz in Vorarlberg ausgeführt. Den Auftrag aber haben wir noch nicht vergeben.

Wie gewährleisten Sie die Standsicherheit des Gebäudes?

Wir nehmen kritische Tests vor. Wir stampfen den Lehm in einen Prüfkörper und untersuchen ihn dann. Die Ergebnisse dieser Tests fließen dann in die Berechnung der Statik mit ein. Das Procedere ist aufwändig, der Lehm ist in Deutschland nicht genormt – weshalb scharfe Prüfverfahren vorgenommen werden müssen.

Wie berechnen Sie denn die Statik?

Der Lehm erodiert an der Oberfläche. Insbesondere auch ein paar Steine werden sich im Laufe der Zeit lösen und aus der Mauer fallen. So werden voraussichtlich zwei Zentimeter verloren gehen. Dieser Verlust ist von allem Anfang in der Berechnung der Statik mit zu berücksichtigen.

Was glauben Sie, wie lange der Lehmbau stehen wird?

Mehrere hundert Jahre. Ein Lehmbau ist langlebiger als ein Betonbau. An letzteren heften sich mit der Zeit Algen und Pilze, deren Entfernung schwierig ist. Die Sanierung von Sichtbeton ist aufwändig und damit teuer. Der Lehmbau ist sehr trocken – und so besteht keine Gefahr, dass so ein Befall auftritt. Ein Lehmbau steht sehr lange und altert sehr schön.

Wie groß ist denn der Aufwand für den Gebäudeunterhalt?

Ein Lehmbau verändert sich mit den Jahren und Jahrzehnten kaum und verliert auch fast nichts von seinem Aussehen. Die Erfahrung zeigt, dass zum Beispiel an einer Fassade auch nach 30 Jahren in der Regel nach wie vor alles in Ordnung ist. Wenn nicht ein Auto an eine Ecke fährt und etwas abbricht, dann bleibt der Lehmbau so, wie er ist – abgesehen von ein bisschen Erosion. Doch auch wenn einmal eine Ecke aus der Mauer bricht, kann dieser Schaden leicht behoben werden. Dann muss man sie wieder drankleben. Zur Reparatur braucht man nur Wasser und Zeit.

Das Forum auf dem Campus wird ein Lehmbau sein. Warum verwenden Sie dieses Baumaterial nicht auch für die anderen beiden Neubauten, die auf dem Campus entstehen: für den Kindergarten und das Seminargebäude?

Wir hätten sehr, sehr gerne auch den Kindergarten aus Lehm gebaut, doch dazu reichte das Budget nicht. Im Seminargebäude werden wir zumindest im Inneren mit Lehm arbeiten und so ein Klima schaffen, das dem Wohlbefinden dient und die Gesundheit fördert. Mit Lehm zu arbeiten ist immer ein Kostenfaktor – leider. Politik und Gesellschaft müssen sich überlegen, ob sie weiterhin das Arbeiten mit diesem gesunden Baumaterial durch höhere Kosten belasten wollen – oder ob sie dessen Verwendung auf breiter Ebene vielleicht doch einmal den Weg ebnen möchten.

Gernot Pültz