weather-image

Experimentell bis mystisch

3.0
3.0
Bildtext einblenden
Arno Kesting (von links), David Fliri, Hannah Vinzens, Johanna Furrer und Misha Nemtsov gestalteten die Uraufführungen der Komponisten Tilman Kremser und Patrick Pföß. (Foto: Mergenthal)

Eine mystische Atmosphäre umfing die Besucher des Konzerts »Feldversuche – Musik und Klangsuche« in der Traunsteiner »Festung«: Zahlreiche Kerzen erfüllten das gruftähnliche Gewölbe mit einem warmen Licht – ein durchaus passender Schauplatz für zwei Uraufführungen junger Komponisten, die miteinander in Hamburg studiert haben: Patrick Pföß aus Traunstein und Tilman Kremser aus Hamburg.


Dieses Konzert war ein Beitrag zur offenen jurierten Jahresausstellung des Kunstvereins Traunstein unter dem Motto »Feldversuche« (bis 28. Juli). Die uraufgeführten Werke sind erst heuer entstanden und wurden von Musiker-Freunden von Patrick Pföß einfühlsam, höchst konzentriert-intensiv und zur Zufriedenheit der Komponisten interpretiert.

Das erste Stück, »Fremdwasser« von Patrick Pföß, hatte einen narrativen Charakter und schilderte lautmalerisch die Klärungsprozesse in einer Pflanzenkläranlage, die durch Regen, so genanntes »Fremdwasser«, aus dem Lot ist und sich wieder regeneriert. Den drei markanten Anfangs-Akkorden folgten unruhiges Kreischen an den drei Celli von Hannah Vinzens, Johanna Furrer und Misha Nemtsov, aufgeregte, schrille, schnelle Glockenspiel-Schläge von Arno Kesting und Hornsignale von David Fliri, die an Warn-Fanfaren in der Schifffahrt erinnerten.

Leise, meditative Passagen, eine Art Neuorientierung, wurden erneut durch »Fremdwasser« gestört. Dabei kamen verschiedenste Spieltechniken zum Einsatz. Die Bewegung der Enzyme und Bakterien wurde so förmlich seh- und spürbar. Aus dem Durcheinander entstanden ganz langsam ein Dialog und etwas annähernd Melodisches. Die Störgeräusche wurden weniger. Das gesamte Stück war geprägt von einer großen Klarheit im Aufbau, was der Klarheit des Wassers am Ende entsprach.

Vor der nächsten Uraufführung wurde ein ebenfalls zeitgenössisches Stück eines Kollegen mit einem zum Titel passenden Namen, Morton Feldman (1926 bis 1987), »Extensions # 5« von 1953 für zwei Violoncelli, eingeschoben. Die beiden Cellistinnen beeindruckten in der Führung der meist kurz nacheinander einsetzenden und sich überlagernden Stimmen mit einem Wechsel von gestrichenen und gezupften Passagen.

Eine Stimme wurde immer wieder zum Auslöser für die andere, dabei gab es Berührungen, Überschneidungen, aber auch Vereinzelung. Erst am Ende des Stücks setzten beide Instrumente bewusst gemeinsam ein, mit einem warm gestrichenen Melodiebogen und einem springenden Pizzikato-Motiv. Neckisch und zart verklang die Musik.

Im Trio »Metamorphose« von Tilman Kremser gesellte sich wieder Misha Nemtsov als drittes Cello dazu. Kremsers Musik stellt sich selber nicht in den Mittelpunkt, sie ist als eine Art »Tapete« gedacht, als Hintergrund, vor dem sich das Eigentliche abspielt. Sie illustriert, begleitet einen Zustand, in dem sich der Zuhörer befindet. Die Musik mit ihren fließenden Übergängen und einer hohen Klangdichte durch die drei Celli hatte etwas Statisches und sehr meditativen Charakter. Das Publikum konnte sich zuhörend tief hinein fallen lassen. Die vom Komponisten beabsichtigte Beschwörung des Zustands des »Verharrens« empfanden die Zuhörer auch als ein intensives Sein im »Jetzt«. Die intensiven, warmen Klänge schufen ein romantisches Gesamtbild. Am Ende hob sich das dritte Cello mit einem markanten Rhythmus von der Gruppe ab. Das zweite Cello übernahm, bis schließlich dieser Rhythmus das gesamte Trio erfasste.

Der Vorsitzende des Kunstvereins, Herbert Stahl, befand in seinen Schlussworten, dass die Kompositionen in ihrer Unterschiedlichkeit sehr gut zu den im ehemaligen Edeka-Markt in Chieming und im Traunsteiner Stadtgebiet präsentierten Werken der bildenden Kunst passten. Veronika Mergenthal