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»Bin sehr froh, dass keiner einen schweren Krankheitsverlauf hatte«

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Das Personal des Traunsteiner Krankenhauses hat es hart erwischt: 145 von ihnen wurden positiv auf das Coronavirus getestet. (Foto: Reiter)

Traunstein – Schwer getroffen hat es die Mitarbeiter des Traunsteiner Krankenhauses: Insgesamt 145 von ihnen haben sich seit Beginn der Pandemie mit dem Coronavirus angesteckt. Waren die Mitarbeiter schlecht geschützt? Liegt es an den hohen Fallzahlen im Landkreis? Und wieso ist das Krankenhaus in Ruhpolding nach wie vor geschlossen? Das Traunsteiner Tagblatt hat mit Dr. Uwe Gretscher, dem Vorstandsvorsitzenden der Kliniken Südostbayern AG, gesprochen.


Mit 145 infizierten Mitarbeitern gehört das Traunsteiner Krankenhaus bayernweit zu den Kliniken, die besonders stark betroffen sind. Gibt es eine Erklärung dafür?

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Im Vergleich mit entsprechenden Zahlen des Robert-Koch-Instituts ist die Zahl der bei uns infizierten Mitarbeiter allenfalls durchschnittlich, insbesondere weil der Landkreis bundesweit einer der am stärksten betroffenen im Rahmen der Pandemie war. Sicher würde ich mir wünschen, dass kein einziger Mitarbeiter erkrankt, was jedoch angesichts der Situation illusorisch ist.

Insgesamt hat das Traunsteiner Krankenhaus 2150 Mitarbeiter. Wie viele der 145 Infizierten waren Pfleger und Ärzte?

Allein die Zahl an Mitar-beitern macht klar, wie bedeutend das Klinikum für die Versorgung der Bevölkerung ist. Die davon betroffenen Mitarbeiter sind zu rund 80 Prozent aus den medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Bereichen, der größten Mitarbeitergruppe am Klinikum.

Waren die Mitarbeiter von Beginn an ausreichend geschützt – beziehungsweise konnte man sie überhaupt ausreichend schützen?

Von Anfang an haben wir alles unternommen, um neben intensiven Schulungen und Informationen ausreichend Schutzmaterial zur Verfügung zu stellen. So haben wir allein dafür über 2,5 Millionen Euro ausgegeben, um längerfristig für die Pandemie gewappnet zu sein.

Wurden rückblickend vielleicht auch Fehler gemacht?

Der Höhepunkt der Pandemie im Landkreis Traunstein war Mitte April, hier hatten wir täglich teilweise über 100 an Covid-19 erkrankte Patienten in unseren Kliniken zu versorgen. Wie in der Bevölkerung hatten wir zu der Zeit auch hier die meisten erkrankten Mitarbeiter.

Wurden in dieser akuten Zeit Corona-Reihentests im Traunsteiner Krankenhaus gemacht?

Sobald mehr als ein Mitarbeiter oder Patient in einem Bereich oder einer Station betroffen ist, werden hier in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt sowohl Patienten wie auch Mitarbeiter umgehend getestet.

Beim gesamten Personal des Traunsteiner Klinikums mit Patientenkontakt wurde laut Gesundheitsamt nun ein routinemäßiges Screening eingeführt, welches sukzessive umgesetzt wird. Was heißt das konkret?

In den gerade genannten Bereichen wurden ohnehin Reihenuntersuchungen durchgeführt. Diese erfolgen jetzt auch in anderen Bereichen des Klinikums. Dabei werden alle Mitarbeiter auf den unterschiedlichsten Stationen getestet.

Die gute Nachricht: Von den 145 Infizierten hatte niemand einen schweren Krankheitsverlauf, ein Großteil von ihnen arbeitet längst wieder und in den vergangenen drei Wochen haben sich lediglich fünf Mitarbeiter neu mit dem Virus angesteckt. Sind Sie erleichtert?

Natürlich mache ich mir Gedanken um jeden, der betroffen ist und ich bin sehr froh, dass keiner unserer Mitarbeiter einen schweren Krankheitsverlauf hatte.

In der Kreisklinik Trostberg sind seit Beginn der Pandemie Mitte Februar 23 Mitarbeiter an dem Virus erkrankt. Dort wurde vermutlich nicht anders verfahren als in Traunstein, schließlich gehören die Krankenhäuser zu einer AG. Erstaunt Sie das selbst oder gibt es eine Erklärung?

Als Mediziner erstaunt mich eher, dass es nicht mehr sind. Trostberg hat sehr professionell eine hohe Zahl an Covid-19-Erkrankten versorgt und auch dort waren die Mitarbeiter wie die Bevölkerung betroffen.

Das Krankenhaus Ruhpolding ist nach wie vor geschlossen. Wieso? Die dort infizierten 27 Mitarbeiter sind bis auf einen ja wieder genesen.

Wir hatten uns entschlossen, den Standort vorübergehend vom Netz zu nehmen, um im Rahmen der Pandemie unsere Kraft an den größeren Kliniken zu bündeln. Außerdem hatten wir zum damaligen Zeitpunkt, wie auch jetzt, kaum Patienten, die in Ruhpolding versorgt werden müssten.

Wie würden Sie die Stimmung in den Krankenhäusern der Kliniken Südostbayern AG beschreiben? Der Druck ist ja enorm hoch….

In der Tat ist es sehr anstrengend für alle Mitarbeiter, diese Situation zu durchleben. Umso bemerkenswerter ist die große Solidarität im Rahmen der Pandemie. Je länger dieser Ausnahmezustand anhält, desto belastender wird es natürlich für alle.

Man hört nun auch immer öfter, dass klinisches Personal gemieden wird – vom Helden zum Geächteten sozusagen. Was sagen Sie dazu?

Um ehrlich zu sein, habe ich das noch nie gehört. Ich bin der Meinung: Menschen, die helfen und retten, haben Respekt und Anerkennung verdient.

Die AG hat in den vergangenen Jahren alles dafür getan, um finanziell wieder auf gesunden Füßen zu stehen. Werden diese Bemühungen nun mit der Coronakrise zunichte gemacht?

Aufgrund der wirtschaftlichen Gesundung konnte die medizinische Versorgungsqualität und -vielfalt erweitert werden. Das zahlt sich auch jetzt in dieser Krise aus. Ich gehe davon aus, das findet in der Bevölkerung und Politik Anerkennung, so dass der Verbund keinen wirtschaftlichen Schaden nimmt.

Viele Patienten haben Angst vor einem Aufenthalt im Krankenhaus. Wie wirkt sich das auf Operationen und Behandlungen aus, mit denen Krankenhäuser ja eigentlich ihr Geld verdienen?

Es ist erschreckend, wie diese Angst Patienten davon abhält, sich medizinisch versorgen zu lassen. Die Zahl der Verläufe mit Komplikationen nimmt auch bei uns zu, so sehen wir verschleppte Herzinfarkte oder Schlaganfälle – das ist dramatisch. Wir tun viel, um Patienten sicher durch die Zeit bei uns zu begleiten. Ich hoffe sehr, das kommt auch bei den Patienten an.

Was wird konkret unternommen?

Patienten, die aufgrund eines Notfalls stationär aufgenommen werden müssen, werden umgehend getestet und bleiben bis zum Vorliegen des Ergebnisses isoliert. Geplante Aufnahmen finden nur statt, wenn ein negatives Testergebnis vorliegt.

Diese Tests muss das Klinikum aber selbst bezahlen. Was kostet das die Kliniken AG pro Woche?

Die Kosten für diese Tests tragen die Kliniken, eine Erstattung dafür gibt es bisher nicht. Es sind schon Tausende dieser Tests erfolgt, bei Kosten von durchschnittlich 70 Euro pro Test kann man sich den Aufwand vorstellen.

Ist das mit ein Grund, warum die meisten Kliniken in Bayern noch sehr zurückhaltend sind mit Reihentests beim Personal?

Neben den hohen Kosten gibt es dafür aktuell nicht überall die erforderlichen Testkapazitäten, um zeitnah ein Ergebnis zu bekommen.

Wären diese Tests nicht sinnvoll, um auch Mitarbeiter festzustellen, die zwar keine Symptome haben, das Virus aber in sich tragen?

Wünschenswert wären einfachere und schnellere Tests, die vor Ort und überall verfügbar sind. Weltweit gibt es das leider noch nicht.

Gibt es trotz der schwierigen Lage etwas, was Sie zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt?

Ich bin Optimist. Zusammen mit unseren Mitarbeitern ist es uns gelungen, diese enorme Herausforderung zu meistern – unser Klinikverbund war immer und zu jeder Zeit versorgungsfähig. Nicht zuletzt das gibt Hoffnung und Mut für alle weiteren Herausforderungen.

Klara Reiter