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Alte PV-Anlage gewinnt neuen Strom

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Eine neues Zuhause gefunden hat die PV-Anlage, die früher auf dem Parkhaus an der Scheibenstraße lief: Mit den Modulen gewinnt nun die Arche in Stendal in Sachsen-Anhalt Strom.
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Mario Tiesies, der Vorsitzende des Trägervereins für die Arche Stendal, hat den Wiederaufbau geleitet.

Stendal/Traunstein – »Wir freuen uns sehr«, sagt Mario Tiesies. Rund 700 Kilometer von Traunstein entfernt leitet er in Stendal in Sachsen-Anhalt den Trägerverein für die Arche, die sich um Kinder aus Familien mit einem schwierigen sozialen Hintergrund kümmert. Viel Geld besitzt die private Einrichtung nicht. Und so machten die Leute von der Arche aus der Not eine Tugend: Für wenig Geld kauften sie eine alte, gebrauchte Photovoltaik-Anlage – jene, die früher einmal in Traunstein auf dem Parkhaus an der Scheibenstraße lief. Und diese alte Anlage beschert nun neue Freude. »Sie läuft einwandfrei«, sagt Tiesies im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt.


Vorzeitig hatte die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) Schrag-Schenk die PV-Anlage, die sie auf dem Dach des Parkhauses an der Scheibenstraße betrieb, vom Netz nehmen müssen. Gebaut 2001 von 56 Bürgern – die Investitionskosten betrugen seinerzeit rund 330 000 Euro – war sie für eine Stromgewinnung auf 20 Jahren vorgesehen. Weil das Gebäude nicht mehr standsicher war, riss die Stadt dann aber das Parkhaus 2020 ab. Groß war zunächst die Verunsicherung in den Reihen der GbR, dann aber auch die Freude. Denn sie fand in Stendal einen Käufer, der die Module übernahm – und damit passierte etwas, was auf dem Strommarkt ganz und gar ungewöhnlich ist: Eine gebrauchte Anlage landete nicht auf dem Schrotthaufen, sondern wechselte den Besitzer und fand eine Wiederverwendung. »Es ist absolut nicht normal, dass PV-Anlagen ab- und woanders wieder aufgebaut werden«, sagt Dr. Rainer Schenk von der GbR Schrag-Schenk. Solche Fälle seien »sehr seltene Ausnahmen«.

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Händeringend hatte Tiesies Ende 2019 nach einer – gebrauchten – PV-Anlage gesucht. Im Internet stöberte er nach einem Auslaufmodell, das günstig zu haben war. Und dann stieß er auf einen Artikel, der in der Online-Ausgabe des Traunsteiner Tagblatts stand. Er las den Bericht über den bevorstehenden Abbau der PV-Anlage auf dem Parkhaus an der Scheibenstraße in Traunstein. »Sofort habe ich Herrn Schenk angerufen«, so Tiesies. Mit Wolfgang Schrag habe er die Einzelheiten besprochen – und der Handel über 700 Kilometer war im Nu perfekt.

Tiesies und andere Helfer der Arche kamen dann im vergangenen Jahr zu Ostern nach Traunstein, um die begehrte Anlage abzuholen. In alle Einzelteile war sie zerlegt worden, vor dem Parkhaus, dessen letzten Stunden dann schlugen, lagen sie – und gingen dann auf die Reise. »Mit drei Fahrzeugen, die jeweils einen Anhänger hatten, fuhren wir nach Traunstein«, sagt Tiesies. Jeden Winkel des Stauraums nutzten er und seine Helfer – und am Ende freuten sie sich, dass nichts liegen blieb. »Wir haben alle 340 Module mitgenommen«, so Tiesies.

Voll bepackt kurvten die Arche-Leute quer durch die Republik. Unliebsame Überraschungen erlebten sie nicht. Unbeschadet kamen die Module in Stendal an. Und dann war Arbeit angesagt – viel Arbeit.

Von Mitte April bis Mitte Juni bastelten die Freiwilligen an der PV-Anlage, dann war sie fertig. In Eigenregie, also ohne professionelle Hilfe, montierten sie die Module auf vier Dächer: auf die Wohncontainer, auf die Lagercontainer, auf den Pavillon und auf den Fahrradschuppen. Tiesies etwa ist gelernter Kaminbauer, auch die anderen waren nicht vom Fach. Nur den einen oder anderen Tipp von einem Fachbetrieb holten sie sich – was am Ende voll und ganz ausreichend war. Nach zwei Monaten war das Werk vollbracht, die Anlage war betriebsbereit. Der Anschluss ans Stromnetz, den dann aber doch ein Fachmann vornahm, dauerte aber bis Oktober. Seitdem läuft die Stromgewinnung.

Weil noch der von der GbR Schrag/Schenk abgeschlossene Vertrag gültig ist, speist die Arche den Strom bis Ende dieses Jahres ins Netz ein – wofür sie dann auch, wie Tiesies erzählt, gutes Geld bekommt, um den Kauf der gebrauchten Photovoltaikanlage für 15 000 Euro im Nachhinein zu finanzieren. Wenn der Einspeisevertrag nach 20 Jahren ausläuft, dann fange die Arche Anfang 2022 damit an, den Strom selbst zu nutzen: Mit ihm werde sie die Räume, die sie nutzt, beheizen. Ein Anschluss an das Fernwärmenetz – der mit Ausgaben in Höhe von rund 60 000 Euro für die Arche nicht bezahlbar gewesen wäre – ist damit vom Tisch.

Trotz ihrer bald 20 Jahre ist die Anlage laut Tiesies gut in Schuss. Sie habe einen Wirkungsgrad von über 90 Prozent. Ob des guten Zustandes und der effektiven Arbeit sieht Tieses die Stromgewinnung – er rechnet mit 45 000 Kilowattstunden im Jahr – auf lange Zeit gesichert. »Die Anlage läuft locker noch 20 Jahre.«

Wenn sich Tiesies jetzt nochmals entscheiden müsste, er würde wieder keine neue, sondern eine alte kaufen – und zwar ganz unabhängig davon, ob er über viel oder wenig Geld verfügen würde. Denn der Ab- und Aufbau der Anlage aus Traunstein habe nicht nur gut geklappt, sondern bringe der Arche letztlich auch eine, wie er sagt, »doppelte Nachhaltigkeit«. Zum einen gewinne die Einrichtung nun Energie aus regenerativer Quelle, zum anderen erfolge nun die Zweitverwertung einer Anlage. Und laut Tiesies bekommen damit dann alte Module ein neues Leben.