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30 Jahre Mauerfall: Leser erinnern sich – »Wir haben ihnen die Freiheit gegönnt«

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30 Jahre Mauerfall: Leser erinnern sich – Zeltstadt und Auffanglager in Trostberg
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Jubel, Erleichterung, Fassungslosigkeit: Die Menschen haben den Mauerfall aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln erlebt. 30 Jahre nach der Grenzöffnung hat unsere Redaktion mit Bürgern aus der Region über ihre damaligen Eindrücke und Erlebnisse gesprochen. In diesem weltberühmten Foto feiern Menschen auf den Grenzanlagen am Brandenburger Tor. (Quelle: Wolfgang Kumm/dpa)
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Zahlreiche Menschen aus Ost und West feierten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 auf der Berliner Mauer. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Vor 30 Jahren herr­schte im Land­kreis Traun­stein der Aus­nahme­zu­stand: 1014 DDR-Flüchtlinge aus Ungarn waren drei Tage lang in der Zelt­stadt am Volks­fest­platz Trost­berg unter­gebracht. In der Nacht auf den 12. Sep­tem­ber 1989 kamen die ersten Aus­siedler aus dem ungarischen Auf­fang­lager Zanskar am Platten­see, zunächst in eigenen Autos, dann in Bus­kolonnen. Damals mittendrin war als stell­ver­tre­ten­de BRK-Bereit­schafts­leiterin für Trost­berg die Hel­ferin Hanne­lore Stein­müller.


Wenn die heute 71-Jährige an jene bewegenden Tage im September 1989 zurückdenkt, kann sie immer noch kaum glauben, wie sie das damals alles geschafft haben. Bereits am 1. September wurde sie als stellvertretende Bereitschaftsleiterin vom Kreisverband des BRK zum Trostberger Volksfestplatz beordert. »Was überhaupt los war, das habe ich damals erst vor Ort erfahren«, erinnert sich Steinmüller im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt.

Aus Ungarn mehrten sich Ende August '89 bereits die Zeichen, dass viele DDR-Bürger aus dem Sommerurlaub in Ungarn nicht mehr in ihre Heimat zurückfahren würden, sondern darauf hofften, dass die ungarische Grenze zu Österreich geöffnet werde. »Wir erhielten damals die Order, eine Zeltstadt für mögliche DDR-Flüchtlinge aufzubauen«, so Steinmüller.

Für sie sei die angespannte Situation in Ungarn damals erst mit dem Einsatz real geworden. Zusammen mit dem THW, Beamten des Bundesgrenzschutzes und BRK-Helfern wurden binnen weniger Tage 150 Zelte aufgestellt, sowie Dixi-Klos und zahlreiche gelbe Telefonzellen herangeschafft, eine Stelle für die Essensausgabe, das Begrüßungszelt und eine eigene Kinderbetreuung organisiert. »Wir hatten ja keine Ahnung, wie viele Flüchtlinge kommen würden, ob es 500 oder 1500 werden.«

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Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt erinnert sich Hannelore Steinmüller, die damalige stellvertretende BRK-Bereitschaftsleiterin für Trostberg, an die Zeit des Mauerfalls zurück.

Warten auf die Flüchtlinge

Und dann begann in Trostberg das tagelange Warten, schließlich kannte keiner den Tag der Grenzöffnung. In der Nacht auf den 11. September 1989 war es soweit: Der Exodus über Österreich gen Westen begann. Einen Eindruck, wie es damals im Auffanglager war, gibt ein Blick in die Ausgabe des Traunsteiner Wochenblatt vom 12. September 1989: »‚Endlich Freiheit!‘ Mit diesem Stoßseufzer steigt ein Insasse eines Trabant mit DDR-Kennzeichen, aber stolz mit Filzstift gemalten ‚D‘-Zeichen in der Heckscheibe, vor dem Flüchtlings-Zeltlager aus seinem Auto. In Trostberg kamen die ersten Personen aus der DDR gegen 5.30 Uhr an. Sie waren in einer spektakulären Hilfsaktion nach Bayern gefahren.«

Als die Flüchtlinge endlich in Trostberg ankamen, waren die Helfer ganz euphorisch, erinnert sich Steinmüller: »endlich hatten wir etwas zu tun«. So war es auch im Traunsteiner Wochenblatt zu lesen: »Etwas verwirrt waren die Ankömmlinge über den Empfang, der ihnen im Lager Trostberg geboten wurde: Die Helfer waren so froh, dass nun jemand in ihre Zeltstadt kam, dass die ersten Besucher noch von so gut wie jedem der Helfer persönlich begrüßt und beglückwünscht wurden.«

Doch dies war nur der Anfang. Hektisch wurde es, als binnen einer halben Stunde 850 Flüchtlinge in 15 Bussen in Trostberg ankamen. Die Busse hatten Verspätung, sie wurden eigentlich im Laufe des Nachmittags des 11. September erwartet, kamen aber erst in der darauffolgenden Nacht an. Die Fahrt in die Freiheit glich eher einer Odyssee, die Busse kamen zwischen 1 und 4 Uhr früh an. An den herzlichen Empfang damals kann sich auch Hannelore Steinmüller noch sehr gut erinnern. »Das waren doch unsere deutschen Nachbarn, wir haben ihnen die Freiheit gegönnt, weil wir ja wussten, wie es in der DDR war«.

»Die Flüchtlinge kamen mit einem Lächeln«

Das erste Aufeinandertreffen zwischen heimischer Bevölkerung und den Flüchtlingen sei sehr positiv verlaufen. »Die Flüchtlinge kamen mit einem Lächeln auf dem Gesicht.« Die Hilfs- und Spendenbereitschaft der Bürger war damals enorm, säckeweise wurden Kleidung und Spielsachen gebracht. »Der Frauenbund hat eine Kleiderkammer eingerichtet, es kamen ja vor allem Eltern mit kleinen Kindern, viele hatten nichts Warmes zum Anziehen dabei.« Auch eine Arbeitsvermittlung hatten die Helfer organisiert.

Viele Firmen aus der Region suchten damals Fachkräfte, und schon innerhalb des ersten Tages konnten Arbeitsstellen vermittelt werden. Zu Steinmüllers Aufgaben gehörte es, im Bürocontainer Anrufe vom Arbeitsamt oder Polizei entgegenzunehmen, »bei mir war die Schnittstelle zwischen dem Lager und allem außerhalb, ich war Ansprechpartner für die Helfer und die Flüchtlinge gleichermaßen.«

Nach drei Tagen war das Lager wieder leer, jeder durfte gehen, wohin er wollte. In Erinnerung geblieben ist Steinmüller der Zusammenhalt zwischen den Hilfsorganisationen. Der Kontakt zu anderen BRK-Verbänden besteht bis heute, erst vor kurzem habe man sich wieder getroffen, um die Erlebnisse von damals wach zu halten. »Wir haben es gerne gemacht, nicht weil wir mussten, sondern weil es unsere deutschen Schwestern und Brüder waren.« vew