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Julia Wahrens Revue »Oh Mama« mit Klavierbegleitung im k1-Studio

Freud und Leid des Mutterdaseins

Reicht das eigentlich für eine Mutter, ein Muttertag im Jahr? Sollten es nicht mindestens einer pro Monat oder pro Woche sein? Oder sollte nicht besser jeder Tag dem Menschen gewidmet sein, der vom Tag der Zeugung bis zum Tod vor allem eines bleibt: Mutter? Denn Mutter sein heißt, immer da, immer präsent, immer verfügbar, immer gebrauchsfertig, immer bereit zu sein, ihr Letztes zu geben für das liebe Kind. Und zwar auch dann noch, wenn es eigentlich längst kein Kind mehr ist.

Die drei erwachsenen Kinder Christina Mantel (von links), Marion Niederländer und Patrick L. Schmitz erinnerten sich am Grab der Mutter: »Wisst ihr noch?« (Foto: Benekam)

Ein vorwiegend weibliches Publikum hat im Traunreuter k1-Studio dazu die passende Revue »Oh Mama« genossen. Sehr schöne Lieder mit ebenso gelungenen Texten (Julia Wahren) wurden in ansprechender Umsetzung der Mutter gewidmet, ließen diese als »VIP« mit all ihren Stärken und Schwächen im Rampenlicht stehen und zwar vom Beginn bis zum Ende ihrer so großen und verantwortungsvollen Lebensaufgabe: Szenen aus der Kindheit, der Jugend, dem Erwachsensein und dem Alter – durchlebt, durchlitten aus Sicht der Mutter und des Kindes.

Vielschichtig, sensibel und voller Leidenschaft

Vielschichtig, sensibel und voller Leidenschaft präsentierten Christina Mantel, Marion Niederländer und Patrick L. Schmitz die 18 von Volker Giesek komponierten und am Klavier begleiteten Lieder vom Mutterglück, wobei die textlichen Überleitungen und Dialoge zwischen den Liedern eher knapp gehalten waren. Mutter-Kind-Beziehungen, aus den unterschiedlichsten Lebensphasen herausgefiltert, boten der Autorin Stoff für abwechslungsreiche und immer witzige Liedtexte, die sie mit einfachen Mitteln inszenatorisch ausgestaltete: Die junge Mama, selbst fast noch ein Kind, die verklärt ihren schwangeren Bauch streichelt und in zärtlichen pränatalen Austausch zu ihrem Looping schlagenden Embryo geht.

Die »späte« Mama, die ihrem Super-Kind (gut geplant: Nicht im Examen passiert!) schon vor der Geburt einen eng getakteten Terminkalender erstellt oder die vom Schlafdefizit gestresste Mama, die sich danach sehnt, einmal in Ruhe duschen zu können. Welche Mutter hat das nicht durchlitten?

Langsam bekommt das Mutterglück erste Kratzer im Lack, der Glanz in ihren Augen weicht zunehmender Erschöpfung, »Geschwisterkriege« wüten und spätestens in der Pubertät, der Zeit, in der die Mutter »nur noch peinlich« ist oder »so was von Scheiße«, (sie aber den ungehaltenen Spross durch sämtliche Krisen des Erwachsenwerdens coachen soll), kommt sie an ihre Grenzen. Nun träumt sie von »Ferien alleine«, einer Auszeit vom Muttersein und schielt mehr oder minder neidvoll auf den Herrn Papa, der es angeblich so viel leichter hat.

Aus Sicht des Kindes verhält es sich nicht weniger ambivalent: Von »Da draußen muss es toll sein«, über »Ich möchte einfach nur perfekt sein«, bis zu »Mama ist einfach nur peinlich« und dann wieder, in dunklen Nächten außerhalb des Mutterreichs, »Mama, sei bei mir«. Im Lauf des Lebens beginnt sich das Blatt ganz langsam zu wenden: Die alternde Mutter stellt schließlich das inzwischen erwachsene Kind vor eine schwierige Prüfung.

»Wie konnte sie mir das nur antun?«

Aus Geben wird Nehmen, gewöhnungsbedürftig und unbequem: »Mama hat sich den Oberschenkelhals gebrochen. Wie konnte sie mir das nur antun?« Da hört dann die störrische Mama plötzlich nicht auf ihre Kinder, versucht zu vertuschen, dass sie hinfällig wird, sich nicht mehr kümmern kann, sondern – im Gegenteil – man sich um sie kümmern muss. Die letzte schwere Prüfung zwischen Müttern und Kindern, bevor der schmerzvolle Abschied die Kinder schließlich verwaist und allein am Grab und im Leben zurücklässt – hoffentlich endlich »erwachsen« geworden.

»Wisst ihr noch?«, erinnern sich die trauernden Kinder am Grab der Mutter – »Mama hätte gesagt ...« und »Für sie waren wir immer die Besten«. Im k1-Saal wurde es zum Schluss der Revue sehr ruhig. Mutig, einen Theaterabend so enden zu lassen. Aber andererseits nah am Leben und umso glaubwürdiger: Themen zwischen Müttern und Kindern, die man so oder so ähnlich selbst erlebt hat, in die man sich nicht hineinversetzen muss, die genauso sind und sein sollen.

Szenen in berührender darstellerischer Umsetzung, in gute Liedtexte verpackt, mit schönen Singstimmen vorgetragen, immer gut verständlich und nachvollziehbar. Der rote Faden zog sich wie eine pulsierende Nabelschnur durch den lückenlos gut inszenierten Revue-Abend. Manchmal schmeckt Kartoffelbrei eben besser als Kaviar. Der Applaus kam, geschuldet der bedrückenden Beerdigungsszene am Schluss, etwas verhalten aber dafür umso herzlicher. Kirsten Benekam