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Außergewöhnliche archäologische Funde in Seebruck

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Die provinzialrömische Archäologin und Seebrucker Museumsleiterin Andrea Krammer nahm das gut ein Meter lange Teilstück der römischen Bedaius-Tempelmauer in Augenschein, auf das sie im Zuge der Bauarbeiten zur Urnengrabanlage an der Seebrucker Pfarrkirche gestoßen ist. (Fotos: Müller)
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Ein dreiköpfiges Grabungsteam um Archäologin Dr. Barbara Muhle untersuchte und dokumentierte im Auftrag des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege einen Tag lang die römischen Gebäudefundamente auf einem Baugrundstück am Seefeld. Neben zahlreichen Terra-Sigillata-Scherben wurden unter anderem auch Tierknochen und eine antike Mühlscheibe geborgen.

Seeon-Seebruck – Innerhalb weniger Tage sind in Seebruck mehrere bis zu 2000 Jahre alte Römermauern ans Tageslicht gekommen – die ersten seit der Entdeckung des römischen Marktplatzes 1990 gegenüber der überdachten Darre/Römerstraße. Zunächst stieß man im Zuge der Arbeiten an der Urnengrabanlage südlich der Seebrucker Pfarrkirche auf einen Abschnitt einer frührömischen Tempelanlage. Auf einem Baugrundstück am Seefeld kamen dann gleich an zwei Stellen römische Gebäude-Fundamente zum Vorschein. Auch ein Fußboden aus rötlichen Ziegelplatten zeichnete sich an der Westseite des Grabungsgeländes zwischen den Mauern ab.


Keramikscheiben und Geweihspitze

Während Archäologin Dr. Barbara Muhle und ihr Grabungskollege die beiden Fundbereiche vermaßen und dokumentierten, war deren Kollegin auf einer angrenzenden Wiese damit beschäftigt, die Kleinfunde zu sortieren und zu säubern, darunter zahlreiche rötliche Keramikscherben aus Terra-Sigillata, teilweise sogar mit Herstellerstempel, Überreste einer Reibschale, Tierknochen, eine Geweihspitze und ein komplett erhaltener Mühlstein.

Bürgermeister Bernd Ruth, der neue Ortsheimatpfleger Hans Fenzl sowie Bauamtsleiter Andreas Bichler hätten den Mühlstein am liebsten gleich ins benachbarte Römermuseum Bedaium bringen lassen, doch Museumsleiterin Andrea Krammer, die selbst provinzialrömische Archäologin ist, erinnerte sie daran, dass die Funde in solchen Fällen immer erst nach München ins Landesamt für Denkmalpflege gebracht und dort inventarisiert und katalogisiert werden müssten.

Da es sich um eine Notgrabung handelte, blieb dem dreiköpfigen Grabungsteam nur ein Tag Zeit, um die Funde zu vermessen und mit Fotoapparat und Bleistiftzeichnungen zu dokumentieren. Die Wahrscheinlichkeit sei relativ groß gewesen, dass man hier auf Relikte aus der Römerzeit stoßen würde, da man sich im Kernbereich des Vicus Bedaium befinde, erklärte Muhle in einer Grabungspause. Ihre Vermutungen hätten sich bereits am Vortag bestätigt, sodass sie ihre Mitarbeiter umgehend nach Seebruck bestellt habe. Da das Baugebiet mitten in der Denkmalschutzzone, sprich in der sogenannten »roten Zone« liegt, war das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege im Vorfeld ordnungsgerecht informiert worden und die Bauherrin hatte dann eine private Grabungsfirma beauftragt, die Fläche archäologisch zu untersuchen.

Unter den wachsamen Augen des Grabungsteams musste sich der Bagger des Bauunternehmens dann vorsichtig in wenigen Zentimeter-Schritten in den Kulturboden voranarbeiten. Deutlich zu sehen war, dass die römischen Mauern beim Bau des hier Jahrzehnte lang stehenden und unlängst abgerissenen Gebäudes zerstört worden waren. Die eine entdeckte antike Mauer verlässt das Grabungsgelände nach Süden in Richtung Römerstraße, was nicht nur Museumsleiterin Krammer neugierig machte. »Es wäre wahnsinnig interessant, zu erfahren, ob sich dieses Gebäude vielleicht unmittelbar an der römischen Staatsstraße von Salzburg nach Augsburg befunden hat.«

Bürgermeister Ruth, Bauamtsleiter Bichler und Ortsheimatpfleger Fenzl hatten derweil schon entschieden, einen weiteren Antrag beim Landesamt für Denkmalpflege zu stellen, um auf Kosten der Gemeinde weitergraben zu können. Eva Brühl, die als Bauherrin die Kosten für die Notgrabung auf ihrem Grundstück zu tragen hat, zeigte sich damit einverstanden, sofern es dadurch zu keiner Bauverzögerung komme und sie nicht für die Kosten der Grabung aufkommen müsse. »Im Grunde wäre dafür noch den ganzen August Zeit«, zeigte sich Brühl sehr kooperativ. Ob die Gebäudereste unter den angrenzenden Dorfstraßen »Römerstraße« und »Am Seefeld« in etwa 40 Zentimetern Tiefe erhalten geblieben sind, darüber lässt sich nur spekulieren.

Museumsleiterin fiel ein heller Fleck auf...

Einem Zufall und der Spürnase von Museumsleiterin Andrea Krammer ist es zu verdanken, dass wenige Tage zuvor an der in den 1470er Jahren gebauten Seebrucker Pfarrkirche ein Mauerrest des einstigen frührömischen Bedaius-Tempels entdeckt wurde. Krammer, die an diesem Tag eigentlich nicht Museumsdienst gehabt hätte, fiel beim routinemäßigen Blick in die Urnengräbergrube im Profil ein heller Fleck auf. Diakon Georg Oberloher beauftragte daraufhin eine Münchner Grabungsfirma, die zusammen mit Krammer das Mauerstück freilegte, dokumentierte und vermaß.

Auffallend war, dass die entdeckte Tempelmauer kurz vor dem Kirchturm-Fundament plötzlich abbrach – und das hat seinen Grund. Beim Neubau des Kirchturms 1843 kam es nämlich zu unerwarteten Problemen. Wie Pfarrer Jakob Weyerer in seinem 1930 veröffentlichten Buch »Seebruck - Eine Studie zur Heimatkunde« scheibt, begann sich der bereits 23 Meter hohe Turm »(…) gen Westen zu neigen und drohte einzustürzen«. Als Grund führte er die »Westmauer des Römerkastells« an, auf der der Kirchturm »in fünf Fuß Tiefe« auf einer Seite geruht habe. Wie Weyerer in seinem Werk weiter ausführte, habe der Turm wieder vollständig abgetragen werden müssen – ein Schock für die Pfarrgemeinde.

These von der Kontinuität des Orts als Kultstätte bestätigt

Dass sie im dortigen Erdreich auch auf neuzeitliche Funde gestoßen sei, zeige, »dass hier bereits des Öfteren umgegraben wurde, zuletzt wohl bei der Kirchenrenovierung in den 1970er Jahren«, mutmaßte Krammer. Sie freute sich riesig, dass die noch recht junge wissenschaftliche These des Archäologen Dr.   Bernd Steidl aus München von der Kontinuität des Orts als Kultstätte der keltischen, keltoromanischen und römischen Bevölkerung mit der Lokalisierung der westlichen Bedaius-Tempelmauer eine weitere Bestätigung erfahren habe.

»An dieser Stelle haben wir diese Mauer nicht vermutet, die Pläne sahen sie etwas versetzt vor«, zeigte sich Diakon Oberloher überrascht. Die Erleichterung war am Ende nicht nur bei ihm groß, als der Chef der ausführenden Firma versicherte, dass die historische Mauer den Urnengrabschächten nicht im Weg stehe.

Auf weitere Entdeckungen aus der Römerzeit muss man in Seebruck womöglich nicht lang warten, denn im kommenden Frühjahr wird bekanntlich im zentralen Denkmalschutzbereich das alte Rathaus abgerissen und noch im selben Jahr mit dem Neubau begonnen. »Wir müssen die Bevölkerung noch mehr für die Geschichte und unsere historischen Wurzeln begeistern«, appellierte Ortsheimatpfleger Fenzl. Archäologische Funde seien »keine Belastung, sondern eine Bereicherung«, so Fenzl. mmü

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