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Lange verschollene Liedkomposition von Mozart, Salieri und Cornetti in Salzburg präsentiert

Sensationeller Zufallsfund von großer Bedeutung

Ein sensationeller Zufallsfund von großer Bedeutung gelang dem Komponisten, Musik-wissenschaftler und Salieri-Forscher Timo Jouko Herrmann bei seiner Online-Recherche: Er fand auf einer Katalogseite des tschechischen Musikmuseums in Prag unter dem Stichwort »Salieri« den Titel eines Werkes, das bis dahin für verschollen gegolten hatte.

Florian Birsak und Sopranistin Claire Elizabeth Craig interpretieren die drei Versionen des Freudenlieds von Mozart, Salieri und Cornetti. (Fotos: Janoschka)

Er bat daraufhin um einen Scan von »Per la ricuperata salute di Ofelia« und erhielt nicht nur das Libretto von Lorenzo da Ponte, der auch die Texte zu verschiedenen Opern von Mozart und Salieri geschrieben hatte, sondern zu seiner großen Freude auch den Anhang mit drei Kompositionen zu diesem 30-strophigen Freudenlied im Stil der altitalienischen Schäferdichtung, mit den Vertonungen der ersten vier Strophen über die glückliche Genesung der bekannten Sängerin Nancy Storace, die wegen einer Stimmkrise vier Monate nicht hatte singen können. Timo J. Herrmann hatte damit die digitale Version der weltweit einzigen Druckausgabe dieser Kompositionen samt Libretto in Händen!

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Von der Existenz dieser gemeinschaftlichen Kompositionen von Antonio Salieri, Wolfgang Amadeus Mozart und einem nicht näher bekannten Cornetti wusste die Forschung nur durch Werbeanzeigen im Wienerblättchen vom 26. September 1785 und in der Wiener Realzeitung vom 18. Oktober 1785. Weder die Komponisten noch der Librettist hatten jedoch dieses Werk in ihren ei-genhändigen Werkkatalogen und Memoiren erwähnt. Dennoch erhielt dieses Freudenlied im Köchelverzeichnis die Nummer KV 477a. Es war auch im Verlag des Wiener Hofbuchdruckers Joseph von Kurzböck und bei Artaria erschienen, doch nie aufgetaucht oder öffentlich aufgeführt worden.

Im Zusammenhang mit diesen wissenschaftlichen Informationen in einem Gesprächsvortrag mit Dr. Ulrich Leisinger, wissenschaftlicher Leiter des Mozartinstituts, und Musikwissenschaftler Timo Jouko Herrmann fand nun im Tanzmeistersaal im Mozart-Wohnhaus in Salzburg auch die künstlerische Präsentation dieses Freudenliedes statt: Florian Birsak spielte auf Mozarts Hammerklavier zunächst die rudimentäre Fassung für Singstimme und instrumentalen Bass, wie sie im Appendix zum Libretto notiert waren. Anschließend präsentierte er mit Sopranistin Claire Elizabeth Craig den von Timo Jouko Herrmann vorsichtig rekonstruierten Klaviersatz in den drei Vertonungen von Wolfgang Amadeus Mozart, Antonio Salieri und Cornetti.

Die Zuhörer im Tanzmeistersaal durften sich glücklich schätzen, Zeugen einer so einmaligen Präsentation zu sein – ein 1785 komponiertes Lied, das über 200 Jahre lang als verschollen galt, wurde am 3. März 2016 in Salzburg quasi erstaufgeführt. Sowohl die rudimentäre, als auch die respektvoll arrangierte Fassung wurden nun zusammen mit dem vollständigen italienischen Libretto und deutscher Übersetzung, einem wissenschaftlichen Vorwort zu Musik und Text auf Deutsch und Englisch in einer kritischen Ausgabe veröffentlicht, die – herausgegeben von Timo Jouko Herrmann – im Musikverlag Hofmeister in Leipzig erschienen ist. Auf der Homepage des Verlages wird sie als »Ausgabe des Monats« bezeichnet und durch die, bei der Präsentation ebenfalls anwesende Geschäftsführerin des Hofmeister-Verlages, Stefanie Clement, vorgestellt. Die Präsentation zeigte die Bedeutung einer fruchtbaren Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst, denn dieser Fund signalisiert einen Erfolg in mehrfacher Hinsicht: Nun steht die Canzona der Allgemeinheit als Allgemeingut zur Verfügung und gleichzeitig wirft diese Wiederentdeckung ein Licht auf die Wiener Zeit Mozarts und sein Verhältnis zu Salieri, wie Herrmann betonte. Der Mythos einer Feindschaft hat spätestens mit dieser Gemeinschaftsausgabe ein Ende! Brigitte Janoschka